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im Herbst des Mittelalters, veranschaulicht an Beispielen aus Stadt und Bistum Regensburg


Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema meines Referats lautet: „Altbayerische Frömmigkeit im Herbst des Mittelalters". Mit dem „Herbst des Mittelalters" bzw. dem „Spärmittelalter" ist jener Zeitraum bezeichnet, der der Epoche der Glaubensspaltung vorausliegt und im wesentlichen das 14. und 15. Jahrhundert ausmacht. Im genannten Zeitraum erlebte die vorreformatorische Kirche in frömmigkeitsgeschichtlicher Hinsicht eine beispiellose Blüte. Und die Wesenszüge und Ausdruckformen der damaligen Frömmigkeit möchte ich Ihnen nun vor Augen fuhren, wobei allerdings vorausgeschickt werden muss, dass dies bei der Fülle der zu berücksichtigenden Aspekte nur exemplarisch geschehen kann, d.h. dass ich mich mit ausgewählten Beispielen aus dem altbayerischen Raum begnügen muss, vorwiegend mit solchen aus dem Regensburger Bistumsbereich., der mir durch meine Forschungen am vertrautesten ist. Den Begriff „Frömmigkeit" könnte man kurz umschreiben als die geistige Haltung und Grundgestimmtheit des religiösen Menschen gegenüber Gott, als die Antwort des Menschen auf Gottes Wort. Zu dieser Grundhaltung gehört notwendig der lebendige Ausdruck innerer Gesinnung, nicht nur Gott gegenüber, sondern gegenüber auch allem von ihm Geschaffenen und Geliebten, also gegenüber der menschlichen Gemeinschaft, dem eigenen Ich und jeglicher Kreatur. Dabei geht es bei der Rückbesinnung auf eine frühere Epoche niemals nur um die Be-schäftigung mit einer längst dahingesunkenen Welt von Vorgestern und Gestern. Geschichte ist stets auch lebendige Überlieferung, ist Abbild des vergangenen Lebens und zugleich Fundament, auf dem wir selber stehen. Es geht also um die Besinnung auf ein gutes Stuck der heute zwar vielfach erschütterten, aber immer noch tragenden Grundlagen unseres religiösen Lebens. Und aus historischem im Rahmen des Mittelalters ganz ungewöhnlichen Frömmigkeitseifers" zu be-zeichnen (Bernd Moeller). Aber der eindrucksvollen Schauseite eignete eine tiefe Doppeldeutigkeit, geprägt von der Subjektivität des religiösen Erlebens einerseits und der sicherbeitsspendenden Funktion der Amtskirche andererseits. Und zweigesichtig war auch das Bild des kirchlichen Bewusstseins: edle Frömmigkeit ne-ben dumpfem Volksglauben, mystische Hingabe neben äußerer Örganisationsform, Missstände neben Reformhoffnungen. Dass damals vieles im Argen lag und auf Veränderung drängte, darüber ist sich die Forschung heute weithin einig. Allerdings lassen sich bei einer Analyse der vorreformnatonschen Verhältnisse die objektiven Aspekte von den subjektiven nur schwer trennen und jeweils richtig einschätzen. Manche der damals angeprangerten Zustände waren ja schon lange virulent, nur die Sensibilität hierfür hatte bis dahin offensichtlich gefehlt. Jetzt aber ertrugen die Menschen die Missstände auf einmal weniger leicht, weil sie wachen bewusster, kritischer geworden waren - und damit empfindlicher für den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit, Lehre und Leben. In seinem volkstümlichen Erbauungsbuch „Schimpf und Ernst", niedergeschrieben in den Jahren 1518/19, erzählt der elsässische Franziskanerprediger Johannes Pauli folgende Geschichte, die das soeben Gesagte veranschaulicht; „Es ritt ein Bischof über Feld mit vierzig Pferden, der sah einen Bauern, der ließ den Pflüg stehen, lehnt sich auf ein Stecken und sah den Reitern zu. Der Bischof ritt zu ihm und sprach: .Lieber, sag mir die Wahrheit, was hast du gedacht, da du mich mit meinem Zug sähest reiten?1 Der Bauer sprach: .Herr, ich hab gedacht, ob Sankt Kilian zu Würzburg auch sei also geritten mit vierzig Pferden.' Der Bischof, der sprach: ,Ich bin tut allein ein Bischof, sondern auch ein weltlicher Fürst. Jetzt siehst du ein weltlichen Fürsten; willst du ein Bischof sehen, so komm am Marienfest nach Würzburg, so wirst du ihn sehen.1 Da fing der Bauer an zu lachen. Der Bischof sprach: .Was lacht er?' Der Bauer sprach Verstehen kann manche Einsicht gewonnen werden, die unsere Verantwortung im Hier und Heute neu bedenken lässt und neuen Mut gibt, die überkommene Botschaft Gottes in die Gegenwart und Zukunft hinein zu verkünden. Vor diesem Hintergrund nun zur spätmittelalterlichen Frömmigkeit! Das religiöse Leben des ausgehenden Mittelalters war geprägt durch eine Fülle verschiedenster, vielfach bis zum Widerspruch gegensätzlicher Ausdrucksformen. Nicht dass es den vorausgehenden Epochen an tiefer gläubiger Hinwendung zu den Heilsgeheimnissen der Kirche gemangelt hätte: Doch das späte Mittelalter präsentiert sich als eine Periode ganz ungewöhnlichen Frömmigkeitseifers, der nicht selten die Bahnen der sakramentalen Ordnung verließ.

Entscheidende Anregungen hierfür gingen zunächst von der Kreuzzugsbewegung des hohen Mittelalters aus, sodann von der stark mystisch geprägten Spiritualität der Bettelorden des 13. Jahrhunderts. Darüber hinaus haben Erschütterungen aller Art wie Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen und Seuchen das allgemeine Streben nach Heilssi-cherung in einer bis dahin nicht erlebten Weise gesteigert. Man denke nur an die furchtbare Pestepidemie, die seit 1348 ihren Verheerungszug durch Europa hielt und im Jahr darauf auch für Bayern „das große Sterben" bedeutete. Zwei Generationen später sprengte mit den Hussitenkriegen ein neuer Apokalyptischer Reiter durch die Lande und hielt die Menschen über lange Jahre bis 1431 in Angst und Schrecken, namentlich auf dem oberpfälzischen Nordgau und insbesondere entlang der bayerisch-böhmischen Grenze. Was Wunder, wenn der sich ohnmächtig fühlende Mensch im vielfarbigen Herbst des Mittelalters intensiver denn je an Religion und Kirche Halt zu finden suchten, um Not und Elend zu wenden. Jetzt blühte die Volksfrömmigkeit allenthalben mächtig auf; jetzt wurden die frommen Stiftungen für das eigene Seelen-heil und das ganzer Sippen und Zünfte zahlreich wie nie zuvor; jetzt stieg die Heiligenverehrung in steiler Kurve an, vor allem der Kult jener Heiligen, die wie Christophorus und die Vierzehn Kothelfer vor einem jähen Tod bewahren konnten oder im Sterben Beistand leisteten. Denn hinter dem Tod - das war die ernste, schier erdrückende Gewissheit des damaligen Menschen - steht unausweichlich das strenge Gericht, stehen die argen Qualen der Läuterung. „Weh' was werd' ich Armer sagen, welchen Anwalt werd' ich fragen, wenn Gerechte selbst verzagen?" In diesen düsteren Worten der Totensequenz hat sich die religiöse Grundstimung einer ganzen Epoche niedergeschlagen, die flackernde Unruhe und unglaubliche Jenseitsangst der späten Gotik, die schließlich ein Augustinermönch zu Wittenberg, Martin Luther, in die bange Frage kleiden wird: „Wie kann ich Sünder vor Gott bestehen? Wie kriege ich einen gnädigen Gott?"

Die lebendige Verwurzelung des Religiösen im breiten Volk demonstriert allein schon das Weichbild der spätmittelalterlichen Städte mit der meist mächtig aufragenden Kirche im Mittelpunkt, um die sich im engen Gewinkel der Gassen die Bürgerhäuser ducken, als suchten sie Geborgenheit in ihrem Schatten. Und diese Stadtmünster, nicht selten umgeben von einem Kranz kleinerer Kirchen und Kapellen, sind zumeist Hallenkirchen, nicht mehr gekennzeichnet durch das steile Aufragen des Mittelschiffs über niedrigen Seitenschiffen, sondern durch das Nebeneinander dreier gleich hoher Schiffe, das Innenräume voll gleitendem Licht und verschwebender Stille schuf. Raumgefühl und Ausstattung dieser Kirchen waren aber weniger auf die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde ausgerichtet als vielmehr auf den einzelnen Gläubigen oder bestimmte Gruppen. Zwar gab es nach wie vor den Hochaltar und den Pfarrgottesdienst, der bis dahin den Kern des christlichen Kults gebildet hatte, doch das gemeinschaftliche Tun wurde mehr und mehr zurückgedrängt durch private und ständische Formen der Liturgie.

Dass nunmehr jede Patrizierfamilie, jede Bruderschaft und Handwerkerzunft Anspruch auf ihren eigenen Gottesdienst erhob, spiegelt sich wider in der Vielzahl der Kapellen und Nebenaltäre sowie in ungezählten Messstiftungen und Benefizien. Mit anderen Worten: Religion umfing alle Lebensäußerungen und Lebensbereiche des spätmittelalterlichen Menschen; aber seine Gläubigkeit hatte nicht nur einen unverkennbaren Drang zum Schauen und Greifen, sondern ebenso einen Hang zum Individualismus, zur Vereinzelung. An zwei zentralen Aspekten soll dies nachfolgend verdeutlicht werden, nämlich an der Christusfrömmigkeit sowie an der Heiligen- und Reliquienverehrung. Die Christusfrömmigkeit hatte bezüglich der eucharistischen Verehrung des Herrn bereits an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert einen grundlegenden Wandel erfahren. War man bis dahin darauf bedacht, die vom Herrenmahl verbliebenen Brotgaben für die Darreichung an Kranke und Sterbende möglichst zu verhüllen und in geschlossenen Gefäßen aufzubewahren, so wurde jetzt gleichsam der „Vorhang des Tempels" aufgetan und das Allerheiligste zur Schau dargeboten. Seinen charakteristischen Ausdruck fand dieser Wandel in der Erhebung der Gestalten von Brot und Wein im Anschluss an die Konsekrationsworte der hl. Messe, ein Gestus, der nach 1200 im ganzen Abendland Brauch wurde und sich gleichzeitig verband mit dem Glauben der Menschen an die heilende Wunderkraft des Geschauten. Nicht mehr der Empfang, sondern das Zeigen der eucharistischen Gaben galt fortan als Höhepunkt der liturgischen Feier. In den größeren Gemeinwesen bot sich daher im fortschreitenden Mittelalter allenthalben dasselbe Bild: „Große Scharen von Altaristen singen oder lesen täglich ihre Messe in den Kirchen der Stadt. Nur wenige kommen zur Kommunion. Aber vor der Wandlung hebt ein gewaltiges Laufen an. Die Leute kommen aus ihren Geschäftslauben und Handwerksstuben, aus den Gärten und benachbarten Feldern in die Kirche, drängen sich nach vorne, möglichst nahe zum Altar, und recken die Köpfe, um die nach der Konsekration jetzt hocherhobenen Gestalten zu sehen." Wie von selber mussten aus einem solchen Verständnis der Eucharistie neue Formen der Andacht entstehen. Die eucharistische Brotsgestalt wird nun in den gotischen Kirchenräumen deutlich sichtbar aufbewahrt, im kunstvoll gestalteten „Sakramentshäuschen" oder in einem dem Altartisch aufgesetzten „Tabernakel", vor dem das Ewige Licht brennt. Aus den geschlossenen Behältnissen aber werden Schau- oder
Zeigegefäße, werden „Monstranzen", in denen die Hostie zur Verehrung dargeboten wird.

In dem Wunsch, den Menschensohn wenigstens in seiner unter Brotsgestalt verborgenen Gottheit zu schauen und anzubeten, lagen auch die eigentlichen Wurzeln des Fronleichnamsfestes, das 1264 kirchenamtlich vorgeschrieben wurde. Für Regensburg ist uns seine liturgische Feier erstmals um 1325 bezeugt, und wie in anderen größeren Städten verband sich dieses Fest auch hier noch im ausgehenden 14. Jahrhundert mit einem theophorischen Umgang, der so genannten Fronleichnamsprozession. Neben dem Fronleichnamsfest dienten die zahlreichen Ewiglichtstiftungen der eucharistischen Verehrung, ferner die am Donnerstag zu Ehren des Altarsakramentes abgehaltenen „Engelmessen" und ebenso die sehr beliebten Donnerstagsprozessionen. Für sie ist uns unter anderem aus Straubing ein Stiftungsbrief von 1423 erhalten, demzufolge der Pfarrer jeden Donnerstag das Allerheiligste in der Monstranz vom Hochaltar zum Kreuzaltar zu tragen hatte, begleitet von vier Geistlichen und vier Ministranten, Dass sich mittlerweile, und zwar schon im 13. Jahrhundert, in der Christusfrömmigkeit ein entscheidender Umbruch vollzogen hatte, der seinerseits eine tief greifende Veränderung des Lebensgefühls der Menschen von damals signalisiert, lässt sich nirgendwo besser nachvollziehen als an der darstellenden Kunst. Das Bild des noch am Kreuz majestätisch thronenden Christus der romanischen Epoche wurde jetzt abgelöst von dem des gequälten, zerschundenen Körpers, und der Kronreif des Gekreuzigten wandelte sich zur Dornenkrone. Anstatt zur Majestas Domini schaute man nun empor zum erbarmungswürdigen Menschensohn, wie auch die Motive der neuen Volksandachten hauptsächlich um das Leben Jesu kreisten und hier wieder zuvorderst um seine Menschwerdung und Passion. Mit der Umprägung des überkommenen Christusbildes aber begann das Ideal des Mitleidens (compassio) die Frömmigkeitspraxis zu bestimmen: „Der am Kreuz leidende und getötete Gott wurde in die Wirklichkeit der Gegenwart hinabgezerrt; er verkörperte die Schmerzen und Unsicherheit des Alltags, legitimierte das Leiden und forderte zur Nachfolge auf, im übertragenen wie im gegenständlichen Sinne."

Dass sich auf ihn eine leidenschaftliche, bisweilen erotisch erlebte Liebe richtete, bezeugt eine in der Regensburger Stadtchronik für das Jahr 1248 verzeichnete Episode, wonach die Mystikerin Kunegund von Uttenhofen nach dem Brand im Niedermünster vor einem alten, beschädigten Kruzifix, das die Verwüstung überstanden hatte, betete und in visionärer Schau erlebte, wie sich eine Hand des Bildes vom Kreuz löste und sich Jesus ihr zuneigte.

Mit dem leidenden Christus trat auch die Verehrung seiner Mutter stärker ins Blickfeld. Den Ausgangspunkt markierte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts markierte nicht von ungefähr das „Vesperbild" der deutschen Mystik, die Pletä, die den toten Herrn in den Armen seiner Mutter darstellt. Um 1400 entstanden dann mit der verschwebenden Raumstüie der bürgerlichen Hallenkirchen die „Schönen Madonnen", die ähnlich wie bald danach die ergreifenden Schutzmantel- und Rosenkranzmadonnen zu Gegenständen liebevoller Verehrung wur-den. Und wie beim Herrn selbst griff das Volk auch bei Maria jedes einzelne Ereignis ihres Lebens auf, um sich darin zu versenken. Besonders begehrt waren daneben marianische Reliquien, ein Stückchen vom Schleier Mariens beispielsweise oder von ihrem Hemd. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zeitigte die Verehrung der Gottesmutter schließlich eine gänzlich neue Andachtsform: das von den Dominikanern nachhaltig geförderte Rosenkranzgebet. Nach rascher und weiter Verbreitung durch die ins Leben gerufenen Rosenkranz-Bruderschaften wurde es zum Gebet des einfachen Volkes schlechthin, vor allem auch deshalb, weil die Meditation der Heilsgeheimnisse und die furbittende Hingabe an Maria die Todes- und Heilsangst überwinden half. Man beachte nur, dass dem Gruß des Engels Gabriel erst damals der zweite Teil des „Ave Maria" beigefügt wurde: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes l"


Auch das geistliche Schauspiel nahm sich der besonders eindrucksvollen Bege-benheiten aus dem Leben Mariens an und setzte sie in Szene. So beispielsweise führte das Regensburger Domkapitel auf Wunsch des Bischofs Heinrich von Absberg 1482 den Brauch ein, Maria Lichtmeß mit einer „Historia", das heißt mit einer Dramatisierung des Festgeheimnisses, zu begehen. Und aus Eggenfelden hören wir von einem Verkündigungsspiel, das der Pfarrer Georg Kolberger gestiftet hatte und jeweils am 25. März nach dem Credo des Hochamtes aufgeführt wurde. Leider ist uns der Text des Spiels nicht überliefert, wohl aber die Ausgabenliste, wonach die als Gottvater, Maria und Engel Gabriel agierenden Personen je zehn Kreuzer erhielten, die acht Schüler aber, „die Unser Lieben Frauen und den Engel tragen", offenbar in einer Prozession, je einen Kreuzer. „Man soll auch", so die aufschlussreiche Quelle, „da haben eine weiße Taubn, die der Priester bei dem Vater in den Schoß Mariae leite unter dem Gesang des: Pater misit filium."

Zum spätmittelalterlichen Marienkult trat bald auch jener der ganzen „Heiligen Sippe"; das Jesuskind mit Maria und Joseph, dazu Joachim und Anna, die Eltern Mariens, nicht selten auch die zahlreichen Basen und Vettern des Herrn, wie sie sich aus der Legende vom „Trinubium" der hl. Anna, ihrer angeblichen dreimaligen Vermählung mit Joachim, Kleophas und Salomas, ergaben. Daneben besaß schier jede Kirche ein Bild der Anna „selbdritt", das sie mit Maria und Jesus dar-stellte, wobei die Gruppierung der drei Gestalten vielfach wechselte. Überhaupt erreichte parallel zum Marienkult die Verehrung der Mutter Anna im ausgehenden Mittelalter einen unüberbietbaren Höhepunkt. Am Vorabend der Reformation war sie fast zu einer „Modeheiligen" geworden. Alle namhaften Künstler der Zeit kündeten ihre Verherrlichung in Bildern, Albrecht Dürer genauso wie Albrecht Altdorfer, dessen Kupferstich „Sankt Anna an der Wiege" als Andachtsbild eine unglaubliche Popularität erlangte. Aber nicht nur die darstellende Kunst, auch eine Vielzahl von Patronaten zeugt von Annas volkstümlicher Beliebtheit.



Insbesondere dem weiblichen Geschlecht galt sie in allen Anliegen des Kindersegens, der Schwangerschaft und des Mutterseins als die große Fürsprecherin. Wie Maria der Samstag und ihrem Bräutigam Joseph der Mittwoch so wurde Anna der Dienstag geweiht, weil sie an einem Dienstag zur Welt gekommen und ge-storben sein soll. Das unbegrenzte Vertrauen, das man ihr entgegenbrachte, ließ sie nicht zuletzt zur Patronin zahlreicher Kirchen und Kapellen werden. Für den Regensburger Dom ist uns um 1355 eine Annakapelle bezeugt. Im mittleren Bayerischen Wald aber wurde die Kirche der Zisterzienserabtei Gotteszell um 1500 zum Zentrum einer weit ausstrahlenden Annaverehrung.

Die reiche Ausgestaltung, die die Heiligenverehrung im steigenden Mittelalter erfahren hat, ihre zunehmende Intensivierung genauso wie ihre außerordentlich starke Privatisierung, war nicht zuletzt eine Folge des schon in der Spätantike einsetzenden Reliquien- und Bilderkultes in Verbindung mit der Entfaltung des Patronatsgedankens. Seit dem frühen Mittelalter hatte jede Kirche und jede Gemeinde ihren Schutzheiligen (patronus), dessen Reliquien eine Vertiefung des Altares barg, um den man sich zum Gottesdienst versammelte. Auch der mehr und mehr sich einbürgernde Brauch, dem Täufling bei seiner Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft den Namen eines Heiligen beizulegen, wollte dem Bedürfnis nach Schutz und Fürsprache Rechnung tragen. Im hohen und insbesondere im späten Mittelalter, der eigentlichen Blütezeit der Zünfte, wurde es dann zur selbstverständlichen Gepflogenheit, dass sich jeder Stand und jede Berufsgruppe unter die Obhut eines bestimmten Heiligen stellte, wobei die Wahl dieser Standes und Berufspatrone häufig aufgrund rein äußerer, nicht selten kurioser Anknüpfung an die historische Quelle oder an die phantasievoll ausgeschmückte Legende erfolgte. So beispielsweise wurde Florian, ein Märtyrer der letzten großen Christenverfolgung im Jahr 304, wegen seines Wassertodes nicht nur zum Schutzheiligen gegen Feuersbrunst und Wassernöte erkoren, sondern auch zum Patron der Bierbrauer, Fassbinder und Schornsteinfeger. Solche Zuweisungen blieben neben den großen Katastrophen der Zeit vor allem individuelle Bedrängnisse wie Krankheiten, Unfälle, Kindersterben oder Viehseuchen stets aufs Neue tätigen ließen. Da eine natürliche Abwendung der kollektiven und persönlichen Nöte angesichts des niedrigen technischen und hygienischen Niveaus kaum möglich war, suchte die menschliche Ohnmacht sich ihrer durch die Inanspruchnahme heiliger Fürbitter zu erwehren. Zu dem in der Patronatsidee wurzelnden religiösen Subjektivismus gesellte sich als weiterer charakteristischer Zug des spätmittelalterlichen Heiligenkults ein ausgesprochen quantitatives Denken. Nicht nur dass für jede Not und jedes Gebrechen ein bestimmter Heiliger als besonders zuständig erachtet wurde: Das quantitative Denken, das heißt die Vorstellung,, dass die Fürsprache eines Heiligen viel vermag, aber diejenige vieler Heiliger erheblich mehr, führte wie von selber zur Kumulation, zum „Bündeln" verehrungswürdiger Gestalten. So erfreuten sich im bayerischen Raum seit dem 14. Jahrhundert namentlich die drei heiligen Jungfrauen Barbara, Katharina und Margaretria besonderer Wertschätzung. Wenn der Regensburger Bischof Konrad von Haimburg auf der Diözesansynode von 1377 die Verehrung seiner Lieblingsheiligen Barbara anordnete und zugleich vorschrieb, dass man ihren Festtag künftighin genauso feierlich begehen solle wie den der Heiligen Katharina und Margaretha, so stoßen wir damit auf ein wichtiges Wegzeichen für die Entstehung des nachmals so beliebten Gruppenkults, den der Volksmund in die einprägsamen Worte kleidete: „St. Margaretha mit dem Wurm, St. Barbara mit dem Turm, St. Katharina mit dem Radi - das sind die heiligen drei „Madl.“


Doch diese „heiligen drei Madl" gehörten ihrerseits zu einer anderen Gruppierung, an der die Tendenz zur Kumulation noch deutlicher ausspricht, nämlich zu den Vierzehn Nothelfern, als da sind: Achatiuss, Ägidius, Barbara, Blasius, Christophorus, Cyriakus, Dionysius, Erasrmus, Eustachius, Georg, Katharina, Margaretha, Pantaleon und Vitus. Sie alle haben das Martyrium oder ein schweres Ster- ben gemeinsam, was den Schluss nahe legt, dass sie hauptsächlich als Sterbepatrone angerufen wurden. Wiederum gibt es in Regensburg schon frühe Zeugnisse des Nothelferkults, so das um 1310 entstandene ältere Nothelferfenster in der südlichen Chorschräge des Domes, zwanzig Jahre später gefolgt von Fresken zur gleichen Thematik in den Kirchen der Dominikaner und Minoriten.

Und nicht von ungefähr bildet der St. Christophorus auf dem Wandgemälde der Dominikanerkirche Christophorus den Abschluss der Nothelfergruppe, alle seine Gefährten um Haupteslänge überragend, war er doch der Patron, der vor einem plötzlichen Tod bewahren konnte. Wer immer den „Christusträger" am Morgen schaut, so der Glaube der späten Gotik, bleibt bis in die Nacht hinein von einem jähen Hin-scheiden verschont.

Darum wurde Christopherus allenthalben in überragender, gleichsam zürn beschützenden Anblick herausfordernder Größe dargestellt, an Burgen, Brücken und Stadtmauern genauso wie an den Außen- und Innenwänden von Kirchen. Neben dem „Christusträger" aus der Nothelfergruppe nahmen vor allem die Schutzpatrone für menschliche Hinfälligkeiten eine bevorzugte Stellung im spät-mittelalterlichen Heiligenhimmel ein, z.B. der von Pfeilen durchbohrte römische Soldatenheilige Sebastian, der in den Jahren des „großen Sterbens" zum eigentlichen Pestpatron geworden war, oder St. Valentin, den man in arg vergröberter Namensdeutung bei. allen Erscheinungsformen der „Fallsucht", der Epilepsie, anrief. Er brachte es an der Südgrenze des Regensburger Bistums, in Diepoltskirchen bei Eggenfelden, sogar zu einer Verehrung, die alle Merkmale einer Wallfahrt an sich trug. Bis ins frühe 14. Jahrhundert zurückreichende Votivbilder legen davon ebenso Zeugnis ab wie das 1420 einsetzende und für die vorreformatorische Zeit weit über hundert wundersame Begebenheiten verzeichnende Mirakelbuch. Vor allem die„Frais“ und das „vallende Siechtum“ ließem die Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung nach Diepoltskirchen pilgern. Aber auch Taubstumme, Bresthafte, Besessene und an Unterleibserkrankungen Lei-dende fanden sich in diesem Valentinsheiligtum ein. Bezeichnend schon der erste Eintrag in dem anfänglich mit vergoldeten Initialen geschriebenen Mirakelbuch: „Im 1420,sten Jahr da kame ain knab von massing here, der hat denn Harmstain, und rueffet an den heilligen sannd valtan, von stund an ward er gesund." Bei den Votivgaben, die man dem hilfreichen Diepoltskirchener Patron darbrachte, überwogen kleine Haustiere, besonders schwarze Hennen; daneben sind Textilien, geformtes wie ungeformtes Wachs im Gewicht des Spenders und mit Getreide gefüllte Tonköpfe als Opfergaben überliefert. Unweit von Diepoltskirchen, in Altenkirchen bei Frontenhausen, in Bubach bei Mamming und in Staudach bei Massing, erfreute sich eine legendenumwobene frühchristliche Blutzeugin besonderer Verehrung, nämlich die hl. Corona. Reliquien von ihr hatte Kaiser Karl IV. 1355 aus Italien nach Prag gebracht, und durch böhmische Vermittlung fand ihr Kult dann vornehmlich im ostbayerischen Raum Verbreitung. Dabei dürfte es vor allem das Schauerliche des Martyriums gewesen sein, was dieser Heiligen Popularität verschaffte. Man hat sie nämlich laut Legende während einer Christenverfolgungswelle um 170 als Sechzehnjährige dergestalt zu Tode gebracht, dass man sie mit Händen und Füßen zwischen zwei niedergebogene Palmbäume einspannte und diese dann hochschnellen ließ, so dass ihr Körper buchstäblich zerfetzt wurde. Angerufen als Spenderin von Reichtum und zur Offenbarung verborgener Schätze, wofür wohl die Gedankenverbindung zwischen dem Namen der Heiligen und der Währungsbezeichnung „Krone" ausschlaggebend war, entwickelte sich manche Stätte ihrer Verehrung zu einem nicht unbedeutenden Wallfahrtsort. Zumindest für den kleinen Ort Staudäch dürfen wir dies mit Grund annehmen, denn anders findet der dortige stattliche Kirchenbau, errichtet nach 1480 und ein Kleinod in Ausführung wie Ausstattung, schwerlich eine Erklärung. Der mehrfach erwähnte Kult der Vierzehn Nothelfer ist nicht nur ein markantes Beispiel fiir den spätmittelalterlichen Hang zum Bündeln von verehrungswürdigen Gestalten. Er macht auch deutlich, dass die Heiligen vom Volk nicht mehr in erster Linie als Vorbilder für das eigene Leben gesehen wurden, sondern als Helfer, und .dass demzufolge ihre Nachahmung hinter ihrer Anrufung zurücktrat. Diese weithin antitheologische Entwicklung schuf sich zudem Ausdruck in der Anhäufung von Reliquien, im üppig blühenden Ablasswesen und in einer Wundersucht, die nicht selten dem Bereich des Abergläubisch-Magischen mehr verhaftet war als dem des Religiösen. Gewiss, die Theologen hatten die allein Gott zukommende Anbetung und die den Heiligen geschuldete Verehrung stets auseinandergehalten, aber in der religiösen Praxis waren die Unterschiede von „Adoratio" und „Veneratio weithin verwischt. So musste gerade die Tatsache, dass das gläubige Volk die Heiligen über ihre Mittlerrolle hinaus gemeinhin als die unmittelbaren Spender der erbetenen Wohltaten erachtete, zu einem Zentralpunkt der reformatorischen Kritik an der Heiligenverehrung werden.
Noch massiver wandte sich diese Kritik gegen den Reliquienkult und den mit ihm verschwisterten Ablasswesen. Bereits in der Spätantike war es Sitte geworden, sterbliche Überreste von Heiligen Körperreliquien, aber auch Gegenstände aller Art, die mit diesen in Berührung gebracht worden waren - für die Bergung im Altar und zum privaten Gebrauch gleich Amuletten als Schutz vor Ungemach zu sammeln. Als sich dann dem Abendland im Zeitalter der Kreuzzüge der Vordere Orient als Reliquienschatzkammer auftat und sich die Reliquienverehrung mit dem Ablasswesen zu verbinden begann, konnte keine größere Bischofsstadt und kein bedeutenderer Wallfahrtsort ohne eigene Reliquiensammlung auskommen. Auch einzelne Herrscher haben weder Kosten noch Mühen gescheut, in den Besitz solcher Gegenstände zu gelangen, Kaiser Karl IV. beispielsweise oder Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, nachmals Luthers Protektor. Er verrügte über sage und schreibe 18 970 Stücke „Heiltum", so die gängige Bezeich-nung für diese Sammlungen. Das gläubige Volk vermochte an den Reliquienschätzen seiner geistlichen und weltlichen Gebieter durchaus Anteil zu nehmen, denn mit der Schaufrömmigkeit der heraufsteigenden Gotik wurden auch beim Reliquienkult die Devotionsgebärden von KUSS und Berührung durch das Schauen ersetzt. Die feste Hoffnung auf seine Heilswirkung, wie sie die Menschen da-mals erfüllte, tritt uns nirgendwo drastischer entgegen als bei den sogenannten Heiltumsweisungen, sprich beim Zeigen der in Gold und Silber kostbar gefassten Reliquienschätze, das regelmäßig mit Ablässen verbunden war und deshalb die Leute in Scharen herbeiströmen ließ. Im Vergleich mit anderen Bischofsstädten wurde in Regensburg die Heiltumsweisung verhältnismäßig spät zu einer festen Einrichtung. Gewiss hatte man schon früher von Zeit zu Zeit eine Ausstellung von Reliquien veranstaltet. Zu Heiltumsweisungen im eigentlichen Sinne kam es aber erst, nachdem die Stadt 1486 in die Hände Herzog Albrechts IV. von Bayern München gelangt war. Bereits im Juni des darauffolgenden Jahres konnte der auf seinen finanziellen Vorteil bedachte neue Stadtherr die päpstliche Erlaubnis zur Weisung des Regensburger Heiltums erwirken. Am 24. September 1487 fand die erste Veranstaltung dieser Art statt, die dann alljährlich durchgeführt wurde, ehe sie in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts mit dem Vordringen reformatorischen Gedankenguts zum Erliegen kam. Ort der Zeigung war jedes Mal ein vor der Kathedrale aufgezimmertes Holzgerüst, um das sich das Volk scharte. Nach einer Ansprache des Dompredigers wiesen zwei Geistliche das Heiltum. Zwar verfügte Regensburg nicht über so zahlreiche und kostbare Reliquien wie beispielsweise das oberbayerische Kloster Andechs, aber es war nach dem aus dem Jahr 1496 erhaltenen Verzeichnis doch eine stattliche Anzahl von Monstranzen und anderen Gerätschaften, die man dem Volk vor Augen führen konnte. Sie bargen „Heilrümer" aller Art wie Holzsplitter vom Kreuz Christi, Dornen von der Dornenkrone, Reliquien der Apostel, Mariens, der Bistumspatrone und vieler anderer verehrungswürdiger Gestalten. Lassen wir den Priester, der die verschiedenen Pretiosen vorzustellen hatte, kurz selber zu Wort kommen!


Er eröffnete die fromme Schau mit den Worten: „Von erst werden euer Heb gezeigt siben creuz und ein monstranz nach einander, darin und in iedem besunder verslosen ist ein merklich stuck von dem holz des heiligen kreuz, daran Christus [gehangen]. Aber in dem fünften kreuz neben dem heiligen holz ist verslossen ein zand von sand Stefan und ein zand von der heiligen Jungfrauen sand Agneten und sonst mer wirdigs heiltum, das der heilig keiser Heinrich von Roma hergebracht und bei der keiserlichen stift Alten kapellen gelassen hat. Darnach in disem sechsten kreuz ist auch außerhalb des holz des heiligen kreuz begriffen ein zand von sand Clementen, ein zand des heiligen bischoves sand Erhalt, ein zand der heiligen puesserin Marie Magdalene und ander mer heiltumb von den heiligen patronen des gotzhaus hie sand Haimeran. ..." - Nachdem dann an die sechzig weitere Einzelgefäße unterschiedlichsten Inhalts präsentiert worden waren, gab der Bischof mit einem Reliquienkreuz, aus dem „sunder gnad und ablas" zu empfangen war, den Segen. Anschließend schlugen der reichsstädtischen Gastronomie lukrative Stunden, da Tausende von Menschen aus der Umgebung herbeigeeilt waren, um diese einzigartige Chance zum Erwerb geistlicher Gnaden zu nut-zen. Neben der Heiligen- und Reliquienverehrung erfreute sich das „Kirchfahrtlaufen" im Herbst des Mittelalters besonderer Beliebtheit und bescherte eine Fülle neuer Wallfahrtsorte. Eucharistische Gnadenstätten, die wie in Deggendorf und Bettbrunn auf einen legendären Hostienfrevel oder ein Hostienwunder zurückgehen, gehören großenteils noch dem 14. Jahrhundert an und stehen in Verbindung mit theologischen Auseinandersetzungen um die wirkliche Gegenwart Christi in der Hostie. Im 15. Jahrhundert wurde sodann die Verehrung bestimmter Darstellungen Mariens, die man als „Gnadenbilder" ansprach, zum alles beherrschenden Kennzeichen des Wallfahltswesens. Jetzt hatten meist auch ältere Wallfahrtsorte nur dann eine Chance, ihre Anziehungskraft beizubehalten, wenn sie ein wunder-tätiges Bild vorweisen konnten. Aufgrund dieser Entwicklung vollzog sich nicht selten eine Verlagerung des Verehrungsschwerpunktes, die manche Christus- und Heiligenwallfahrt unversehens zu einer Marienwallfahrt werden ließ. Ein Beispiel hierfür bietet der Bogenberg, heute noch zu den bedeutenderen mariani-schen Gnadenorten Bayerns zählend, der seine ursprüngliche Anziehungskraft nicht einem Marienbild, sondern einem Kreuzpartikel verdankte.


Die Frömmigkeit des späten Mittelalters wäre unzureichend charakterisiert, würde man nicht erwähnen, dass ihr auch eine ausgesprochen altruistische Komponente eignete, nämlich ein vom Geist christlicher Nächstenliebe getragenes sozial-karitatives Engagement, das sich zuvorderst auf die Kranken- und Armenbetreuung in Spitälern und ähnlichen Einrichtungen konzentrierte und sich zumeist in testamentarischen Verfugungen niederschlug. Die Notwendigkeit solcher Einrichtungen lag in der tiefgreifenden Umstrukturierung begründet, die das ge-sellschaftliche und soziale Gefüge seit dem 13. Jahrhundert erfahren hatte. Das Hauptmotiv dieser Stiftungen aber war der Glaube an die Heilsverdienstlichkeit guter Werke. Derselbe religiöse Wurzelgrund, der die zahlreichen Kirchen und Kapellen der spätmittelalterlichen Städte und Märkte entstehen ließ, hat auch je-nes dichte Netz sozialkaritativer Einrichtungen geknüpft, in dem sich der Wohltätigkeitssinn und die fromme Barmherzigkeit de Zeit spiegeln: „Heiliggeistsspitäler" und „Bruderhäuser" für die Fremden und Pilger, für Kranke und Findelkinder, für Alte und Bresthafte; Leprosenhäuser für die Aussätzigen und „Sundersiechen". Dabei reicht die Bandbreite der Stifterpersönlichkeiten vom Landesherrn wie etwa in Amberg, dessen Spital eine Stiftung Ludwigs des Bayern aus dem Jahr 1317 darstellt, bis hin zu Privatpersonen wie in Eggenfelden, wo das 1492 errichtete Heiliggeistsspital im wesentlichen auf eine Stiftung der Maria Lengfelder zurückgeht.


Mit Blick auf die Hochblüte kirchlicher Kunst und Bautätigkeit, auf die zahlreichen geistlichen Stiftungen und Werke frommer Barmherzigkeit liegt es nahe, die Jahrzehnte vor dem Ausbruch der Reformation als „eine Periode eines auch
Fürst des Teufels wird - was tut der Bischof darzu?' Da ritt der Bischof von ihm und hätt sein genug." Der ungebildete Bauer als der eigentliche Christ demaskiert die Schutzreden des „Fürsten-Bischofs" mit einem Lachen. Das Histörchen spricht in seiner Hintergründigkeit und zupackenden Drastik für sich selbst. Ich danke Ihnen.


Autor: Prof. Dr. Karl Hausberger
Quelle:
» http://www.museum-vilsbiburg.de/aktuelles/VortragHausberger.pdf


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