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Zu den beschrifteten Quadern vom Osttor des römischen Legionslagers in Regensburg



Die Frühzeit der 3. Italischen Legion
Die Auffindung der Quader im Jahr 1873
"Regensburger Rätsel?"
Der Text
Die Datierung
Die Baumaßnahme
Die Ergänzung
Probleme mit Kaiser Commodus
Die Wiederbeschriftung von Zeile 3 und 4
Marcus Helvius Clemens Dextrianus
Schluß


[1]Nemo propheta in patria - das dachte sich vor rund 100 Jahren auch ein Mitglied der Schottischen Akademie und reiste durch das ferne Bayern, um die römischen Altertümer in Augsburg und Regensburg zu besichtigen. Den ausführlichen, mit assoziativen Exkursen reich garnierten Bericht veröffentlichte alsbald das Königlich Archäologische Institut von Großbritannien und Irland. An einer besonders sympathischen Stelle berichtet der Reisende namens Bunnell Lewis wie folgt: "Ich hatte die günstige Gelegenheit, die Römermauer [in Regensburg] eingehend zu besichtigen ... Dabei besuchten wir auch mehr als nur eine Brauerei, was mich nicht weiter wunderte, weil es in einer deutschen Stadt, in der man so gern Bier trinkt, fast unmöglich ist, entlang einer solch durchgehenden Mauer nicht auf derartige Einrichtungen zu stoßen" [2].

Kenner der Regensburger Vergangenheit werden dem vermutlich zustimmen. Denn selbst das hier zu behandelnde Thema verdanken wir letzten Endes den Bedürfnissen des edlen Brauerhandwerks, wobei keineswegs an Sponsoring gedacht ist. Vielmehr wurde in den Jahren 1873 die privatisierte Karmeliten-Klosterbrauerei fast vollständig neu gebaut. Unter anderem schob man den Ecktrakt Speichergasse/Dreikronengasse um mehrere Meter in Richtung des heutigen Dachauplatz südwärts vor und erreichte so die noch jetzt gültige Straßenflucht des Hotels Karmeliten.

Für Regensburgs Archäologie waren das höchst dramatische Baumaßnahmen, die zudem den dokumentarisch belegten Anfängen der Stadtgeschichte eine neue Grundlage verschafften. Erst seit der Auffindung der monumentalen Torinschrift im Zuge dieser Baumaßnahmen wissen wir von der Fertigstellung des römischen Legionslagers im Jahr 179 n.Chr.



Die Frühzeit der 3. Italischen Legion

Ehe wir uns freilich den beiden damals gefundenen beschrifteten Quadern vom Osttor des Regensburger Kastells und einigen ihrer Detailprobleme zuwenden, sind für die bessere historische Einordnung einige Bemerkungen zur Frühgeschichte der Regensburger Hauslegion angebracht, zumal diese in den letzten Jahren wenigstens punktuell etwas dichter geworden ist [3].

Die Neuschaffung der legio tertia Italica, der 3. Italischen Legion, um 165/66 hatte zu den außergewöhnlichen Eilmaßnahmen gehört, mit welchen Mark Aurel den gerade aufkeimenden Markomannenkriegen begegnete. Nach längerer Hinhaltetaktik war ein kriegerischer Konflikt im Norden unvermeidlich, Italien selbst schien bedroht, Roms Herrschaft zum ersten Mal auf breiterer Front in die Defensive gezwungen. Mit der 3. gemeinsam wurde die 2. Italische Legion ausgehoben, die später im österreichischen Lorch ihr Hauptquartier nahm. Italische nannte man die neuen Legionen nach ihrem ersten Rekrutierungsgebiet. Zusätzliche Beinamen spielten auf das Wunschverhalten der "brüderlichen" Regenten Mark Aurel und Lucius Verus, an: die 2. Italische hieß noch Pia ("die Zuverlässige") und die 3. Concors ("die Einträchtige").

Die ersten erkennbaren Aufgaben dieser neuen Bürgertruppen stützen die Auffassung, sie seien anfangs gleichsam "mobil" verwendet worden. Zunächst verweilten sie wohl in Oberitalien, in der Nähe der Kaiser, die ihr Hauptquartier in den Adriahafen Aquileia vorverlegten, um dem Krisenherd an der Donau näher zu sein. Damals entstand ein Spezialkommando "zum Grenzschutz Italiens und der Alpen", und zu dieser "vorgeschobenen Kriegszone" gehörten vielleicht auch die beiden neuen Legionen. Im Jahr 170 entsandten sie je rund 200-300 Mann starke Handwerkerabteilungen zum Stadtmauerbau nach Salonae/Solin an die dalmatinische Küste, und um eben diese Zeit errichtete die 2. Italische Legion in den Ostalpen ein Steinkastell zur Überwachung einer wichtigen Straße von Italien an die pannonische Front. Indessen wurde dieses Lager bei Celje-Cilli bereits vor seiner endgültigen Fertigstellung aufgelassen, als der seit dem Tode des Lucius Verus im Jahre 169 allein regierende Mark Aurel die Offensive zurückgewann. Im allgemeinen geht man davon aus, daß in den frühen 70er Jahren auch die beiden neuen Legionen nach Norden vorrückten.

In der Tat finden sich um diese Zeit erste Indizien für die Anwesenheit der 3. Legion in unserer Provinz Raetien; allerdings noch nicht in Regensburg, sondern bei Eining, nahe jener Stelle, an welcher das Signalsystem des raetischen Limes die Donau erreichte. In der Flur "Unterfeld", ca. 1 km nördlich des damals schon fast 100 Jahre alten Kohortenkastells Abusina, entstand jetzt ein zweites trapezförmiges Truppenlager von 10,6 ha Fläche. Von der wohl zur Donau hin geöffneten Anlage ließ ein Luftbild die Umrisse des Zentralgebäudes mit einem apsidialen Fahnenheiligtum und vielleicht Resten des Kommandantenpalastes erkennen. Zahlreiche Funde bestätigten auch in jüngerer Zeit ihre Datierung in die 70er Jahre. Als Besatzung gibt sich unsere Legion zu erkennen; und zwar durch zahlreiche Ziegeltempel eines Typs, der in Regensburg selbst nicht mehr vorkam und auf dem der offenbar nach 180 abgelegte Beinamen Concors erschien. Die topographische Lage dieses Platzes und die Befunde sprechen weniger für eine bloße Nachschubstation der donauabwärts gelegenen Hauptfront, viel eher für eine auf Signale aus Mainz reagierende Operationsbasis, von der aus in die Provinz Raetien eingefallene Gegner wieder vertrieben wurden. Um 171/72 scheint derlei unter dem Kommando des späteren Kaisers Pertinax vorgekommen zu sein.

Da in Eining-Unterfeld allenfalls die halbe Legion unterkam, fehlte dieser bis zum Ende der 70er Jahre ein einheitliches Standlager; sie agierte in getrennten Abteilungen, in sog. Vexillationen. Wo sich diese aufhielten, ist unklar. Einen Teil kann man in Alkofen (zwischen Saal und Bad Abbach) vermuten, wo gleichfalls Ziegelstempel der Legion mit dem frühen Beinamen Concors zum Vorschein kamen[4].

Aus dieser Aufsplitterung des Gesamtverbands könnte man nun folgern, die militärische Situation in Raetien sei bis zum Baubeginn des Regensburger Legionslagers etwa um 175 so labil gewesen, daß Kampfgruppen vonnöten waren. Indessen kennen wir seit wenigen Jahren die älteste absolut datierte Inschrift der 3. Italischen Legion nördlich der Alpen, überraschenderweise aus der westlichen Nachbarprovinz Obergermanien, genauer aus dem Benefiziarierbezirk Osterburken.

Solche Benefiziarier wurden "zur besonderen Verwendung" vielfältig eingesetzt, zu Wachaufgaben, als Quartiermeister oder bei Verhaftungen etc. In den Benefiziarierstationen hielten sie für eine bestimmte Zeit die Stellung, wobei ihre genaue Aufgabe bis heute nicht wirklich erkannt ist. Daß sie im Rahmen der Finanz- und Wirtschaftsverwaltung entlang der Verkehrswege fungierten, liegt aber auf der Hand. Dieser durchaus friedliche Einsatz deutet nun eher darauf hin, daß die 3. Italische Legion nicht alle Leute in Raetien benötigte. Außerdem gibt die Inschrift in Verbindung mit zusätzlichen Indizien einen Hinweis darauf, daß das Oberkommando über Raetien damals vorübergehend nicht, wie üblich in Augsburg, sondern beim obergermanischen Statthalter in Mainz lag[5].

Spätestens seit Mark Aurels Friedensschluß mit Germanen und Sarmaten im Jahr 175 wird die Entscheidung für die dauernde Stationierung der 3. Italischen Legion in Raetien gefallen und folglich mit der Errichtung des mächtigen Dauerquartiers bei Regensburg begonnen worden sein. So entstand in einem großangelegten Bauunternehmen dieses ca. 25 ha mächtige Lager, das immerhin elfmal so groß war wie das zuvor - um 172 ? [6] - zerstörte und nie wieder aufgebaute Auxiliarkastell von Regensburg-Kumpfmühl.

Der Baugrund am südlichen Donauufer gegenüber der Regenmündung war sorgfältig vorzubereiten. Es gibt Anzeichen dafür, daß sich hier vorher welliges Gelände befand, das von Gewässern durchzogen war und wo sich auch (in der Osthälfte des Neupfarrplatzes) ein Tümpel- oder Sumpfgebiet befand. Aber nicht nur die Erdbewegungen, auch der Steinbedarf und der zu bewältigende Bauaufwand waren enorm hoch [7].

War in der ersten Hälfte des Jahres 179 die "Umfassungsmauer mit Toren und Türmen" fertiggestellt, so dauerte der vollständige Einzug der Mannschaften möglicherweise noch etwas länger. Darauf deutet eine 1982 von dem zu früh verstorbenen Udo Osterhaus in der konservierten Ausgrabungsstätte unter dem Niedermünster gefundene Weihung, die ein Feldwebel (optio) dem Schutzgott der Zenturie (gento centuriae) für seine Kameraden (commaniplares) gesetzt hat: Aufgrund der Namensform des Commodus läßt sich dieser Text in die Zeit zwischen Frühjahr und Herbst des Jahres 180 datieren. Man darf daher annehmen, daß die Errichtung dieses Altars mit dem Einzug der Mannschaften in die fertiggestellten Unterkunftsräume zusammenhing [8].

Damals war es am raetischen Grenzabschnitt wieder ganz friedlich geworden. Die Regensburger Legion konnte einige Leute entbehren, die man zu Bauarbeiten in das Limesgebiet beorderte. Dem archäologischen Finderglück verdanken wir Bauinschriften, die uns bezeugen, daß 181 Zenturionen mit Mannschaften der Legion und einer Hilfstruppe die Umwehrung (vallum), Tore und Türme am Kleinkastell Böhming wieder hochzogen und ein anderer Legionszenturio im Jahr darauf das Kleinkastell Ellingen (kastellum Sablonetum) mit ausgewählten Fußtruppen des Statthalters (pedites singulares) in Stein ersetzte [9].

Eine römische Legion war ein Vielzweckverband. Daher wundert es nicht, daß gleichzeitig Kampftruppen der 3. Italiker ins Feld ziehen mußten und in die letzten Gefechte der sog. Markomannenkriege verwickelt wurden, die - anders als unsere Schulbücher behaupten - 180 noch nicht völlig zu Ende waren [10]. Denn der germanische Stamm der Buren hatte sich als Roms ehemaliger Verbündeter über den Friedensschluß des nach dem Tod Mark Aurels am 17. März 180 allein regierenden Kaisers Commodus empört. Dieser statuierte an ihnen ein Exempel und ließ das wohl in der Ostslowakei ansässige Volk niederwalzen. Von diesem Feldzug
(expeditio Burica) kündet ein Weihestein, den bereits Aventin 1509 auf der Steinernen Brücke bei Untersaal, gemeinsam mit anderen römischen Spolien vermauert, abgeschrieben hat. Auch ein ritterlicher Militärtribun unserer Legion, ein Afrikaner namens Calus Annius Flavianus, dürfte sich bei diesem Unternehmen Orden (dona militaria) verdient haben, die seine Ehreninschrift in seiner Heimatgemeinde erwähnt. Aufgrund dieses Erfolges, den die Römer auch als den Dritten Germanenfeldzug bezeichnet haben, veränderte Commodus spätestens im Mai 182 seine Siegernamen und hieß fortan nicht mehr Germanius Sarmaticus, d.i. "Germanenbesieger, Sarmatenbesieger", sondern in gesteigerter und umgekehrter Form Sarmaticus Germanicus maximus, also "Sarmatenbesieger, allergrößter Germanenbesieger". Diese wichtige Veränderung für die Herrschaftspropaganda des gerade erst 19jährigen Kaisers führt uns zur Regensburger Torinschrift zurück.



Die Auffindung der Quader im Jahr 1873

Die Bauarbeiten des Frühjahres 1873 fielen in eine Zeit, in der weder die akademische Grabungs-Wissenschaft, noch ein institutionalisierter Denkmalschutz, ja noch nicht einmal die Photographie genügend entwickelt waren [11]. An Altertümern interessierte Personen richteten ihr Augenmerk von April 1872 an mehr als zwei Jahre lang auf die Planier- und Ausbauarbeiten der Donautalbahn im Westen des späteren Bahnhofsgebiets. Dort wurden nach Zeitungsberichten auch im Frühjahr 1873 "fortwährend Urnen, Lämpchen etc. ... ausgegraben". Motor der lokalen Altertumsforschung war der noch nicht 50jährige, aus Gesundheitsgründen freiwillig resignierte Pfarrer Joseph Dahlem. Fast allgegenwärtig wirkte er dem zerstörerischen Treiben der Ostbahn entgegen und bewahrte auf dem sog. Großen Gräberfeld vor Kumpfmühl, was zu retten war [12]. Natürlich war er auch zur Stelle, als der damalige Besitzer der Karmelitenbrauerei "die Erdarbeiten zur Vollendung seines imposanten Neubaues" in Angriff nahm. Bereits bei den Arbeiten für das eigentliche Brauhaus waren Reste der Außenmauer der römischen Umwehrung abgetragen, freilich kaum beachtet worden. Am 18. April 1873 begannen schließlich die Aushubarbeiten im Bereich des mittelalterlichen sog. "Schwarzen Burgtores". Dieses war bei der napoleonischen Beschießung am 23. April 1809 beschädigt und drei Jahre danach eingerissen worden; aber seinen Standort hatte man katastermäßig abgesichert, und allgemeine Überlegungen ließen hier die römische Porta principalis dextra vermuten, jenes rechte Haupttor also, das die Via principalis, die in West-Ost-Richtung verlaufende Lagerquerstraße, aus dem Castrum entließ [13]. Aufmerksam verfolgte der Historische Verein die Kanalgrabungen im Bereich des jetzigen Dachauplatzes. Wie nicht anders erwartet, stieß man am zweiten oder dritten Arbeitstag auf die Unterbauten des ehemaligen Römertores, die anscheinend auch das Fundament des genannten mittelalterlichen Burgtores gebildet hatten. Die beiden oberen Lagen der unverkennbar römischen Quader hob man sogleich ab. Die größere untere Masse der Quader aber wurde bis zur Bruchsteinfundamentierung freigelegt, die etwa 30 cm über die Quader hinausreichte. Sie wurde in einem Geviert von 32-34 Fuß, also nicht ganz 10 x 10 in, sichtbar. Dahlem war entzückt: "Es war ein imposanter Anblick, der die ganze Größe des gewaltigen Römervolkes in diesen Quaderresten und ihrer Anordnung widerspiegelte".

Leider ist trotz solcher Euphorie, wie so oft, eine Publikation der damals registrierten Befunde nie erfolgt. So sind wir auf die wenigen zeitgenössischen Notizen und Briefe angewiesen, um ein ungefähres Bild von dem zu gewinnen, was für immer dahin ist. Die noch erreichbaren Informationen sind reichlich vage und von Widersprüchen und Flüchtigkeiten nicht frei. Dennoch vermochte Udo Osterhaus durch den Vergleich dieser alten Aufzeichnungen mit seinen eigenen Grabungsbefunden in der Speichergasse weiterzukommen.

Danach hat Dahlem unmöglich die Fundamente der Porta principalis dextra in ihrer gesamten Nord-Süd-Erstreckung gesehen, vielmehr wohl allein die Fundamente und monumentalen Überreste der nördlichen Durchfahrt und ihrer Begrenzungen. Denn die Via principalis war mit den beiderseits anschließenden Proticus insgesamt stattliche 16 in breit gewesen. Noch heute belegen die in der Römer-Apotheke sichtbaren (aber natürlich angehobenen) Säulenstümpfe die Südgrenze dieser einstigen Prachtstraße. Das Lagerosttor hatte mithin wie die Porta praetoria eine zweitorige, je ca. 3,5 in breite Passage, und möglicherweise war hier wie dort irgendwann nach 280, vielleicht im 4. Jahrhundert, die von außen gesehen linke Durchfahrt vermauert worden [14].

Obwohl die Entdeckung des Lagerosttores, wie gesagt, die mit der antiken Topographie Regensburgs Vertrauten nicht überraschte - unter einem glücklichen Stern stand sie dennoch nicht: Es fehlte an öffentlichen Mitteln für "Nachgrabungen" ebenso wie für eine Konservierung. Der Bauherr war darauf bedacht, möglichst viele der Quader in traditioneller Weise als sog. "Hausteine" wiederzuverwenden und verlangte Entschädigung. So verhinderte nur die Rührigkeit Dahlems das Schlimmste und sicherte neben Kleinfunden auch zahlreiche Spolien [15]. Die "nicht unbedeutenden Kosten", welche die Erwerbung und Bergung dieser Denkmäler verursachten, wurden teilweise durch eine Sammlung von freiwilligen Beiträgen gedeckt. Aber das reichte bei weitem nicht aus, und so war bereits im Folgejahr in den Sitzungsberichten der Bayerischen Akademie der Seufzer zu lesen: "Leider liess sich die Stadt Regensburg die Gelegenheit entgehen, ein so werthvolles Alterthum, wie die Fragmente des Thors waren, zugleich die älteste Urkunde über ihre Stadt, an einer passenden Stelle wieder aufrichten zu lassen, ... und so fielen die Stücke theilweise in die Hände der Steinmetze, welche sie ohne Kenntniss ihres Werthes für den Neubau zurichteten" [16]. Zum Glück müssen wir mit diesem fast zeitlos klingenden Kummerlied nicht lange klagend an Regensburgs Römermauer verharren; ein kleiner Trost erwächst aus der Einsicht, daß die Rekonstruktionpläne damals über ein Jahrzehnt vor der Freilegung der Porta praetoria - möglichst viele der Spolien berücksichtigt und zweifellos einen "architektonisch Wolperdinger" gezeugt hätten. Vor allem aber haben wir den aussagekräftigsten Teil des Tores zumindest teilweise erhalten. Denn am 8. Mal 1873 war Dahlem, wie er schrieb, durch "einen glücklichen Tag" belohnt worden. Er fand an diesem Donnerstag "beim Abräumen der Steine, die zum Neubau verwendet werden sollten ... nahe dem östlichen Ende des Torausganges" einen rund 2 in langen Teil einer ursprünglich weitaus längeren Inschrift. Dieser Quader [b] war mit der von "feinem Mörtel besetzten" Schriftfläche nach unten als "Podiumstein" in den Sockel der Südflanke einer Steinsetzung eingelassen, die angeblich das Fundament des nördlichen Torturmes gebildet haben soll. Zur Veranschaulichung der Fundsituation verfügen wir leider nur noch über eine Skizze Dahlems [17].

Der bedeutende Fund ging rasch durch die Zeitungen[18], und man hoffte, weitere Teile zu finden. Dahlem vermutete, auf der entgegengesetzten Torseite könnten vielleicht andere Stücke in ähnlicher Weise liegen. Bürokratische Hemmnisse standen einer raschen Stillung der Neugier entgegen. Erst Mitte Juni stiegen die Aussichten, als der Bauherr von der Stadt die Erlaubnis erhielt, noch 8 Fuß herauszurücken. Am 5. Juli kam dann tatsächlich ein weiteres Fragment ans Licht. Freudig erregt schrieb Dahlem sofort an Friedrich Ohlenschlager nach München: "Als vis-à-vis des ersten Inschriftensteines lag eine schöne ähnliche Steinplatte, aber denken Sie meine Enttäuschung, da ich sie sicher für die Fortsetzung der Inschrift hielt, und kein Buchstabe darauf war. Dagegen bot sie ein schönes Stück des Torgesimses [c]. Über ihr lag, auf die Stirnseite gesetzt, ein großer, dicker Stein [a], der beim Umdrehen ein weiteres Stück der Inschrift bot...". Auch dazu gibt er wieder nur eine Skizze [19].

Dahlem ließ die beiden wertvollen Quader zunächst "mit großer Mühe sorgfältig in das Dominikanergebäude" transportieren; danach waren sie einige Jahre wohl im Thon-Dittmer-Haus "in einem engen und dunkeln Raum gar nicht zugänglich", wurden aber 1880 in das neue Museum des Historischen Vereins in die Ulrichskirche gebracht. Als die Stadt Regensburg diese Sammlung 1933 übernahm, kam alsbald auch das Lapidarium in das Museum im Minoritenkloster und so zum Dachauplatz zurück. Damals mauerte man die Fragmente hoch oben im Kreuzgang ein und ergänzte sie nach Adolf Schmetzers Vorlage in natürlicher Größe, so daß nur noch Fachleute das Original erkennen konnten. Erst 1979 wurden auf meine Anregung hin die Quader wieder befreit und in der heutigen römischen Abteilung rundum zugänglich aufgestellt - leider aber auch (ohne mein Wissen) mit Zement verbunden.



"Regensburger Rätsel?"

Hinsichtlich der Angabe der Tiefe ("Dicke") dieses zweiten Quaders ist Dahlem entweder ein Fehler unterlaufen oder aber: zwischen 1873 und 1979 war dieser Quader auf der Rückseite etwas abgearbeitet worden. Denn schon 1979 waren die seither wieder frei zugänglichen Inschriftensteine ungefähr gleich tief (ca. 42 cm), während in den ersten Beschreibungen behauptet wird, der linke Quader sei deutlich tiefer gewesen als der rechte. Wegen zweier Dübellöcher auf der Oberseite hielt man ihn für den Mittelstein von insgesamt fünf, symmetrische angeordneten Quadern; von diesen seien die Blöcke 3 und 4 von links erhalten. Diese Vorstellung fand dinglichen Niederschlag auch in Adolf Schmetzers Rekonstruktion. Natürlich war das viel zu schematisch und modern gedacht, da zahlreiche Beispiele anderer Monumentalinschriften lehren, daß wir nicht einmal von einer nur annähernd gleichmäßigen Quaderanordnung ausgehen dürfen. Sie stehen alle auf einer Vielzahl von Blöcken, und kaum zwei davon haben auch nur ungefähr die gleiche Breite. Schließlich waren im Endzustand die Steinfugen einer Lagertorinschrift mit Sicherheit weitgehend unsichtbar. Allein wegen des enormen Gewichts der Steine - die beiden Regensburger Fragmente wiegen über drei Tonnen - ist es ganz unwahrscheinlich, daß man erst die fertig beschrifteten Quader angebracht hatte; vielmehr wurde der Text
nach dem Versetzen der Steine und ihrer folgenden Glättung eingemeißelt. Nur so erklärt es sich, daß die Buchstaben auf die Steinfugen keinerlei Rücksicht nahmen.

Die auffällige Tatsache, daß das linke Fragment keine untere Randleiste besitzt, wurde vor einigen Jahren zu einem wichtigen Argument für die Behauptung, die beiden Blöcke stammten nicht von einem Monument, sie seien vielmehr Überreste zweier verschiedener, inhaltlich allerdings identischer Lagertorinschriften [20]. Der Gedanke ist bestechend, aber dennoch unhaltbar. Tatsächlich sind bei anderen Römerlagern von mehreren Toren Inschriften bekannt geworden. Ihre Analyse zeigt freilich, daß selbst bei viel kürzeren Texten kein einziger mit einem anderen inhaltlich und formal vollkommen übereinstimmt [21]. Die Römer verfuhren auch hier höchst unsystematisch. Nun war in unserem Fall die linke Steinfuge des rechten Blocks mit Sicherheit mehr als fünf Meter vom Anfang der Inschrift entfernt; d.h. über eine solche Länge hätten zwei verschiedene Torinschriften in fünf Zeilen gleichermaßen eine praktisch ununterschiedbare Textverteilung aufweisen müssen, wobei zwei Zeilen, nämlich 3 und 4, obendrein noch, wie wir gleich sehen werden, zwei Arbeitsgänge erlebt haben. Eine solche, für ein "xerographisches" Denken typische Vorstellung widerspricht allen Erfahrung an vergleichbaren Objekten, und sie wird vollends absurd durch die Annahme, von dem linken Block sei "an der rechten Seite ein Stück verlorengegangen" [22]. Das nämlich hieße, daß hier von den letzten Buchstaben zufällig genau jeweils so viel verloren wäre, wie vom ersten Buchstaben auf dem rechten Stein fehlt: In Zeile 1 haben wir auf dem linken Stein den senkrechten Strich des D, auf dem rechten die Wölbung eben dieses Buchstaben, in Zeile 3 auf dem linken Block die erste Hälfte eines X, auf dem rechten die zweite. Wenn in der dritten Zeile die Buchstaben CVS weiter auseinanderstehen als in den übrigen Zeilen, so ist dies nur normal, weil in dieser Zeile auf beiden Steinen zusammen nur 31,5 Buchstaben und 4 Punkte erhalten sind, während die anderen Zeilen sehr viel dichter besetzt sind. Beispielsweise beherbergt Zeile 2 gar 40 Buchstaben und 6 Punkte. Es bleibt somit dabei (und die Untersuchungen des Bauhistorikers Th. Aumüller bestätigten diesen Befund auf andere Weise): wir haben die Reste einer einzigen Inschrift vor uns, am ehesten die vom römischen Osttor selbst.



Der Text

[23]Damit kommen wir endlich zum Text. Daß ein Blick in die epigraphische Werkstatt ohne Latein nicht angehen kann, versteht sich von selbst. Aber es ist mehr detektivische Vergleichs- als Übersetzungsarbeit:





1 FRATERºDIVIºHA||DRIANIºNEPOSºDIVIºTRAIANIOºPA
2 TICVSºPONTIFEXºMAX||IMVSºTRIBºPOTESTATISºXXXVIºI
3 ICVSºGERMANIC||VSºMAXIMVSºANTONINIºIMP
4 MP II COS II VALLVM||CVMPORTISETºTVRRIBVS EEG I
5 M HELVIO C[…]||MENTE DEXTRIANO LEG AV

Das Zeichen º steht für Worttrenner in Form eines Mercedes-Sterns. Auffällig ist die uneinheitliche Ordination, aus welcher eine ungleiche Buchstabenzahl je Zeile folgt: Zeile 1: 35,5 Buchstaben, 6 Punkte; Zeile 2: 40 Buchstaben, 6 Punkte; Zeile 3: 31,5 Buchstaben, 4 Punkte; Zeile 4: 38 Buchstaben, 5 Punkte; Zeile 5: 29 (27) Buchstaben, 5 Punkte. Der kursiv gesetzte Text ist eine Zweitbeschriftung.



Die Datierung

Dieser Text läßt sich relativ genau datieren. Es sind zwei Kaiser genannt. In Zeile 2 und 4 ist nämlich je eine Tribunengewalt (tribunicia potestas) erwähnt. Diese Tribunengewalt wurde jedem römischen Kaiser mit seiner Thronbesteigung verliehen und normalerweise jeweils am 10. Dezember weitergezählt, also: tribuniciae potestatis II, III usw. Der auf unserer Inschrift zuerst erwähnte Kaiser war Enkel des göttlichen Hadrian (divi Hadriani nepos) und nannte unter seinen Vorfahren auch einen Bruder (frater). Das paßt nur auf Mark Aurel, dessen "Stiefbruder" Lucius Verus im Jahr 169 verstorben war. Damit ergibt sich für den Mitherrscher zwingend Mark Aurels Sohn Commodus, d.h. der Stein gehört in die gemeinsame Regentschaft von Vater und Sohn zwischen dem Ende des Jahres 176 und dem 17. März 180, dem Todestag Mark Aurels. Zur weiteren Eingrenzung verhilft freilich nicht wie sonst die Zahlenangabe der Tribunengewalt. Denn die Zählung XXXVI (= tricesimum sextum) in Zeile 2 ist sicher falsch, da Mark Aurel bereits während seiner 34. Tribunengewalt starb. Irrtümer dieser Art haben sich immer wieder eingeschlichen. Die Erklärung dafür liegt entweder in einem Flüchtigkeitsfehler bei der Anfertigung der handschriftlichen Vorlage, welche den Steinmetzen übergeben wurde; wahrscheinlicher aber hat derjenige, der diese Vorlage auf den Stein umsetzte, schlechtweg falsch gelesen. Eine undeutlich geschriebene lateinische III war beispielsweise leicht mit VI zu verwechseln. Ob später die irrige Zahl etwa durch Vergipsen und übermalen der V ausgebessert wurde, ist nicht mehr zu erkennen.

Entscheidend für die Datierung unserer Inschrift werden daher die Angaben für Commodus in Zeile 4, und zwar Imp. II (= iterum) cos. II (= iterum). Der Kaisersohn war seit Ende 176 Im Besitz der Tribunengewalt und durch die Verleihung des Augustus-Titels im Frühjahr oder Frühsommer 177 vollends Mitherrscher des Vaters geworden. Ein Sieg im Spätsommer des gleichen Jahres brachte ihm den Titel Imperator II = "Feldherr zum zweiten Mal" ein. Dazu muß man wissen, daß ein römischer Kaiser zu Regierungsbeginn durch Zuruf des Heeres als Imperator begrüßt wurde, ein Schauspiel, das sich nach jedem bedeutenden Sieg wiederholte und eben in der Zählung der Kaisertitulatur niederschlug. Commodus hat sein zweites Konsulat am 1. Januar 179 angetreten und führte zu Beginn jenes Jahres offiziell auf unseren feinsten chronologischen Hilfsmitteln, auf den Münzen, immer noch den Titel IMP(erator) II. Im Laufe des Jahres 179 zählen die Prägeserien nach einem neuerlichen Sieg über die Germanen weiter zu IMP(erator) III (=tertium) [24]. Schätzt man aufgrund der vorliegenden Stückzahlen die Prägemengen der Münzen, so müßte dieser Wechsel etwa im April geschehen sein. Dazu paßt, daß in der Hauptstadt Rom, wie wir seit kurzem wissen, die neue Feldherrnausrufung des Kaisersohns am 1. April 179 noch unbekannt war [25]. Berücksichtigt man die langsamere Nachrichtenübermittlung, so weist alles darauf hin daß die Regensburger Torinschrift in der ersten Hälfte 179 verfaßt wurde, noch ehe sich diese Weiterzählung allgemein durchgesetzt hatte.



Die Baumaßnahme

Das Legionslager wurde damals neu errichtet, weil die Inschrift die Bauobjekte in Zeile 4 als vallum cum portis et turribus angibt und damit alle konstitutiven Elemente eines römischen Standlagers aufzählt. Als Prädikat ist daher ein Zeitwort wie fecerunt, dederunt (= sie machten, sie stifteten) oder ähnlich zu erwarten. Daher wurden früher am Ende von Zeile 4 nach turribus meist die Buchstaben EFCI gelesen, und man ergänzte unter Annahme einer Verschreibung FEC PER: <fe>c(erunt) p[er legionem] = "sie (die Kaiser) machten Wall mit Toren und Turm durch die Legion". Nach dieser Lesung wäre auf den erhaltenen Resten der Inschrift die Legion gar nicht genannt gewesen. Tatsächlich steht aber, wie man seit der Reinigung vor rund 15 Jahren sicher weiß, auf dem Stein EEG · I, wobei oberhalb der letzten, teilweise bereits abgebrochenen Senkrechten vielleicht noch die Reste einer Überstreichung sichtbar sind. Man könnte nun annehmen, daß der Steinmetz irrtümlich zuerst FEC für fecerunt "sie machten" geschrieben hatte, seinen Fehler als bald bemerkte und FEC zu LEG umarbeitete. Zwingend ist freilich auch dies nicht, denn noch einfacher ist die Erklärung Aumüllers, derzufolge der Steinmetz einfach das L vergaß und dies sogleich bemerkte. So oder so, solche Fehler ließen sich mit Gips oder Mörtel leicht wieder kosmetisch sanieren, so daß schließlich zu lesen war: vallum cum portis et turribus < l >eg(ioni) I [II Italicae fecerunt]. D.h. die Kaiser errichteten die Mauer mit Toren und Türmen für die 3. Italische Legion.



Die Ergänzung

Laien interessiert häufig besonders, wie man eine solche Inschrift rekonstruieren und behaupten kann, sie sei einmal an die 10 in breit gewesen und wir wüßten recht genau über das Verlorene Bescheid. Daß die äußere Beschaffenheit der Quader dafür keinen geeigneten Anhält bietet, haben wir gehört. Dennoch ist die Rekonstruktion relativ einfach, steht nur das entsprechende Vergleichsmaterial zur Verfügung. Diese Forderung berührt allerdings ein Problem, das selbst von Fachleuten erst in neuerer Zeit immer stärker berücksichtigt wird, daß nämlich die historische Wertigkeit von Texten, auch Inschriften, mitnichten die gleiche ist. Auch für uns ist es durchaus nicht gleichgültig, ob beispielsweise in einem privaten oder halbamtlichen Schriftstück salopp vom Kultusministerium oder in einer offiziellen Verlautbarung korrekt und stets vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst die Rede ist. Nun wurde die Konzipierung einer Inschrift wie der unsrigen gewiß nicht, wie das bei Bauinschriften untergeordneter Kastelle der Fall war, dem Ermessen und dem Wissensstand der vor Ort verantwortlichen Offiziere überlassen. Man bedenke nur, daß es zum damaligen Zeitpunkt im gesamten Römerreich gerade einmal ca. 30 vergleichbare Militäranlagen gab. Die Kaiser werden im Nominativ, also als handelnde Subjekte genannt; zurecht hat man ihr Mitwirken bei der Textgestaltung, und seies nur durch Genehmigung, postuliert [26]. Für eine Rekonstruktion müssen wir daher trotz der vorhandenen Fehler - die ja Fehler vor Ort waren und vermutlich korrigiert wurden - unmittelbar aus der kaiserlichen Kanzlei stammende Dokumente mit der offiziell gültigen Titulatur der beiden Monarchen heranziehen. Für das Frühjahr 179 waren bis vor kurzem vollständige Kaiserurkunden nicht überliefert. Diesbezüglich hat uns das archäologische Finderglück in den letzten anderthalb Jahrzehnten aus Rumänien und Ägypten zwei vollständig erhaltene sog. Militärdiplome beschert, also halbamtliche Kopien von Bürgerrechtsverleihungen der Kaiser an entlassene Hilfstruppensoldaten. Übereinstimmend nennen uns diese Neufunde, deren Text auf verlorene Originaldokumente in Rom zurückgeht, die offiziellen Kaisertitulaturen vom 23. März bzw. 1. April 179. Sie lauten übereinstimmend [27] :





Imperator Caesar, divi Antonint Pii filius, divi Veri Parthici maximi frater, divi Hadriani nepos, divi Traiani Parthici pronepos, divi Nervae abnepos Marcus Aurelius Antoninus Augustus, Germanicus Sarmaticus, Pontifex maximus, tribunicia potestate XXXIII, Imperator VIIII, consul III, pater patriae et
Imperator Caesar Lucius Aelius Aurelius Commodus Augustus
AntoniniAugusti filius, divi Pii nepos, divi Hadriani pronepos, divi Traiani Parthici abnepos, divi Nervae adnepos, GermanicusSarmaticus, tribunicia potestate IIII, Imperator II, consul II, pater patriae -

"Der Imperator Caesar, des göttlichen Antoninus Pius Sohn, des göttlichen Verus, des größten Parthersiegers, Bruder, des göttlichen Hadrianus Enkel, des göttlichen Traianus, des Parthersiegers, Urenkel, des göttlichen Nerva Ururenkel Marcus Aurelius Antoninus Augustus, Germanensieger, Samatensieger, Oberster Priester, mit Tribunengewalt zum 34. Mal, Feldherr zum neunten Mal, Konsul zum dritten Mal, Vater des Vaterlandes, und der Imperator Caesar Lucius Aelius Aurelius Commodus Augustus des Antoninus Augustus Sohn, des göttlichen Pius Enkel, des göttlichen Hadrianus Urenkel, des göttlichen Traianus, des Parthersiegers, Ururenkel, des göttlichen Nerva Urururenkel, der Germanensieger, der Sarmatensieger, mit Tribunengewalt zum vierten Mal, Feldherr zum zweiten Mal, Konsul zum zweiten Mal, Vater des Vaterlandes".

Vergleichen wir diese geradezu barocke Nomenklatur der Kaiser mit den Resten unserer Inschrift, so erkennen wir rasch, daß die Angaben für Mark Aurel bestens mit Zeile 1 und 2 zusammenpassen, von unbedeutenden Kürzungen und Formalien abgesehen (potestatis statt potestate, der Fehler XXXIII zu XXXVI). Die Übereinstimmungen sind im obigen Text rekte gedruckt.



Probleme mit Kaiser Commodus

Versuchen wir nun die offizielle Titulatur des Commodus in Zeile 3 und 4 unserer Inschrift einzusetzen, so fallen zwei Dinge auf:

1. Anders als für Mark Aurel standen für Commodus nicht zwei vollständige Zeilen zur Verfügung, da Zeile 4 noch Reste der Bauformel enthielt. Tatsächlich ist sein Name auch auf den Diplomen um 30 Zeichen kürzer als der des Mark Aurel (251:221).

2. Nur an wenigen Stellen paßt der auf der Regensburger Inschrift erhaltene Titel des Commodus zur 179 offiziell gültigen Nomenklatur. Pater patriae = "Vater des Vaterlandes" fehlt völlig, bedeutsamer noch ist: die Siegertitel lauten nicht Germanicus Sarmaticus, d.i. "Germanenbesieger, Sarmatenbesieger", sondern in gesteigerter und umgekehrter Form Sarmaticus Germanicus maximus, also "Sarmatenbesieger, allergrößter Germanenbesieger", wie sie Commodus erst seit 182 n.Chr. getragen hat. Außerdem stehen diese Siegertitel bei Commodus vor der Aufzählung der Vorfahren und nicht wie bei Mark Aurel und in den Militärdiplomen dahinter. Der berühmte Theodor Mommsen hatte diese Unregelmäßigkeiten mit einem Staunen quittiert, was im Gelehrtenlatein vor 120 Jahren so klang: "Titulus imperite conceptus erroribus abundat" [28]. Zu deutsch etwa: "Die mit Unverstand konzipierte Inschrift ist reich an Irrtümern". Mommsen hat diesen Fehlern an einer sonst gewöhnlich wortkargen Stelle einen langen lateinischen Kommentar gewidmet. Darin meinte er, die Regensburger Inschrift sei, obwohl sie das Jahr 179 offen zur Schau stelle, erst nach dem Tod Mark Aurels, also erst nach März 180, ausgeführt worden, und zwar mit einem Mischformular, das teilweise bei Baubeginn, teilweise beim Bauabschluß gegolten habe. Diese Ansicht wies rund ein Jahrhundert lang den Weg und hat allerhand gelehrte Spielarten veranlaßt. Andere Forscher glaubten, Inschrift und Lager seien nicht mehr zu Lebzeiten des Mark Aurel vollendet worden, oder aber die Inschrift sei erst nach Mark Aurels Tod in die Attika des Tores eingesetzt worden. Wieder andere wollten die Möglichkeit ins Auge fassen, Commodus könnte offiziell oder auch inoffiziell - bereits im Frühjahr 179 den Ehrennamen Germanicus maximus getragen haben.



Die Wiederbeschriftung von Zeile 3 und 4

All diese Auswege erwiesen sich als Holzwege. Die ganz andere Lösung wurde mir eher zufällig bewußt, als ich 1976 auf Veranlassung meiner Lehrer Andreas Kraus und Adolf Lippold eine Museumsführung hielt. Meine Frau stand direkt unterhalb der im Kreuzgang vermauerten Inschrift und machte mich darauf aufmerksam, daß von dieser Stelle aus eine deutliche Vertiefung in Zeile 3 und 4 der Inschrift zu erkennen sei. Das erhellte schlagartig einiges [29]: Denn der Name des Commodus wurde offenbar in seiner ursprünglichen Weise getilgt und nach sorgfältiger Glättung der Oberfläche wieder eingefügt. Folglich war an den entsprechenden Stellen eine zweiphasige Beschriftung anzunehmen, die offenkundig für die Anachronismen verantwortlich war.

Die Verdammung (damnatio memoriae) des Commodus

Tatsächlich wurde Commodus nach seiner Ermordung in der Silvesternacht 192/93 vom Senat zum Staatsfeind erklärt. Infolgedessen beseitigte man offiziell seine Standbilder und ließ seinen Namen aus den öffentlichen Monumenten auslöschen. Diese Tilgung des Andenkens erfolgte durchaus inkonsequent. Einerseits wurde sie sogar bei Bronze- und Amphoreninschriften vollzogen, andererseits blieben selbst bedeutende stadtrömische Inschriften unversehrt. Die Römer huldigten auch hier keinem Perfektionismus, außerdem war Commodus schon zu Lebzeiten eine Gestalt gewesen, an der sich die Meinungen teilten [30]. Viele Soldaten haben ihn zweifellos ehrlich betrauert. Keines anderen römischen Kaisers Andenken hat einen vergleichbaren Wechselpart in der politischen Propaganda der Nachfolger gespielt und in wenigen Jahrzehnten entsprechende Höhen und Tiefen durchschnitten. Nach dem Tode sogleich geächtet, wurde Commodus alsbald rehabilitiert, nach einem Vierteljahrhundert vorübergehend abermals verdammt und bald wiederum gutgeheißen, um schließlich vollends aus dem Kanon der vergöttlichten Regenten ausgeschlossen zu werden. Sein Tod hatte eine Dynastie beendet und das Imperium Romanum, wie in solchen Fällen üblich, wieder einmal in einen verheerenden Bürgerkrieg gestürzt, aus dem schließlich der Afrikaner L. Septimius Severus als Sieger hervorging. Dieser war klug genug, sich durch eine Adoption von eigenen Gnaden in den großen und mächtigen Familienclan des seit 15 Jahren toten Mark Aurel aufzunehmen und so positive Signale an dessen Anhängerschaft im Senat und an die commodustreuen Teile im Heer zu senden. Durch diesen Akt wurde Severus auch zum postumen Adoptivbruder des Commodus, der selbstverständlich nicht länger ein geächteter Staatsfeind bleiben konnte. Daher holte man ihn schon nach zwei Jahren Garzeit aus dem Hades und beförderte ihn auf direktem Weg unter die Götter. Es war nur konsequent, wenn man auf höchstes Geheiß seinen Namen in den Inschriften wiederherstellte.

Bedenkt man diese Vorgänge - 193 Rasur, nach 195 Wiederbeschriftung -, so wäre gut möglich, daß sie sich auf unserer Regensburger Inschrift widerspiegeln [31]. Und dennoch finde ich diese Erklärung nicht recht befriedigend.

Wiederherstellung oder Korrektur - restitutio oder correctio in litura?

Beachtung verdient zunächst, daß sich unsere Rasur über eineinhalb Zeilen erstreckt. Das ist schon ganz ungewöhnlich. Denn meistens wurden nur der Beiname Commodus oder allenfalls die drei Namen M. Aurelius Commodus gelöscht. Auch in Raetien ist man an anderen Lagertorinschriften durchweg so vorgegangen. Generell wurde die weitergehende Titulatur, also pont. max., trib. pot. etc., recht selten mitbeseitigt, und die erleuchten Vorfahren blieben in aller Regel natürlich verschont, da sie doch von der Gedächtnisstrafe ihres mißratenen Nachkommen nicht betroffen waren! Diese Rücksichtnahme ging so weit, daß auf einigen Zeugnissen die Ahnennamen intakt blieben, der jeweilige genealogische Bezug zu Commodus (also filius, nepos - Sohn, Enkel etc.) ausgemeißelt wurde. Allein dieses Procedere beweist, daß die Ahnennamen normalerweise dem Zorn nicht zum Opfer fielen. Unsere Regensburger Inschrift wäre jedenfalls das einzige bekannte Beispiel, in dem die Ahnen des Commodus vollkommen radiert und wieder restituiert worden wären.

Nun ist die Regensburger Rasur mit maximal 8 mm gerade so tief wie die Schlagkanten der Erstbeschriftung. Aus diesem Grund sind an mehreren Stellen noch Reste des ersten Textes zu erkennen, besonders deutlich mitten in der II nach MP zu Beginn von Zeile 4. Hier hat eine sehr sorgfältig ausgeführte, vergleichsweise seichte Abarbeitung stattgefunden, und keine Orgie zorniger Hiebe ihr Unwesen getrieben, wie sie für die Ächtung eher charakteristisch ist. Nach einschlägigen Untersuchungen müssen wir uns nämlich vorstellen, daß so eine Rasur an den Torinschriften der Militärlager ein fast sakraler Vorgang war. Ihn vollzog die gesamte Truppe, die doch durch diesen Akt dem Geächteten gegenüber ihres Fahneneides entbunden wurde. Nach einer Ansprache vor dem Lagerzentrum eilte sie tumultuarisch zu den Toren, wo nicht erst ein Gerüst gebaut wurde, sondern diensteifrige Soldaten mit Leitern anrückten und mit jedem geeigneten Gerät, das gerade zur Hand war, ans Werk gingen. Die Folgen für das Erscheinungsbild unserer Monumente sind klar und erhellen sich aus einem Beispiel: An einem Kastell in der libyschen Wüste erfolgte die Tilgung eines Kaisernamens auf den vier Torinschriften höchst verschieden, im Norden mit einem Meißel, im Süden und Westen mit einem Hammer, im Osten mit einem großen Nagel [32].

Zu solchen Willkürmaßnahmen paßt die Regensburger Sorgfalt ganz und gar nicht. Hier geschahen Tilgung und Wiederbeschriftung so perfekt, daß Otto Hirschfeld, ein Mommsenschüler und namhafter Epigraphiker, der 1888 die Inschrift im Original studierte, feststellte, auf dem Stein sei in Zeile 3 und 4 eine Kleinigkeit (paululum) weggenommen. Wenn er weiterhin versicherte, die Schrift stehe nicht in einer Rasur [33], so wurde er durch neuere, nach 1979 mit extremem Schlaglicht aufgenommenen Fotos widerlegt und bestätigt zugleich: Denn es handelt sich sehr wohl um die Zweitbeschriftung in einer absichtlichen Abarbeitung, aber die Mulde ist so seicht und unauffällig und so sorgfältig gearbeitet, daß es verständlich ist, wenn sie Dahlem, Ohlenschlager, Walderdorff und viele andere überhaupt nicht beachteten. Solange das Objekt im Kreuzgang des Museums vermauert war, war sie kaum auszumachen, so wenig, daß im Jahr 1972 die Teilnehmer eines Internationalen Kongresses für griechische und lateinische Epigraphik daran vorübergingen ohne ein einziges Heureka. Ein Beweis mehr, wie gut den römischen Steinmetzen ihre Täuschung gelungen ist, aber auch dafür, daß in unserem Falle die Tilgung offenbar bereits in der Absicht der Wiederbeschriftung erfolgt war.

Dies bestätigen weitere Überlegungen. Es bleibt nämlich die Tatsache bestehen, daß die Wiederbeschriftung eine anachronistische Titulatur für Commodus enthält, eine (von Mommsen erkannte) Mischform, die besondere Umstände verlangt: IMP II COS II weist ja ins Frühjahr 179, und da Commodus nicht Sohn des vergöttlichten Antoninus heißt, deutet auch das in die Zeit vor den Tod des Vaters im März 180; dagegen ist Sarmaticus Germanicus maximus in Zeile 3 ansonsten bislang frühestens seit Mai 182 gesichert.

Namensformen des Commodus

Kaiser Commodus hat im Laufe seiner fast 16jährigen Regierung seine Namen mehrfach geändert: zum ersten Mal bereits anläßlich seiner Rückkehr aus dem Felde im Oktober 180 und erneut im Sommer 191, als er seinen Geburtsnamen Lucius Aelius wieder aufnahm [34]. So ergaben sich folgende Varianten:

Mitte 177 - Oktober 180: Lucius Aelius Aurelius Commodus Augustus,

Oktober 180 - Mitte 191: Marcus Aurelius Commodus Antoninus Augustus,

Mitte 191 - Ende 192: Lucius Aelius Aurelius Commodus Augustus.

Überraschenderweise erscheint auf der Regensburger Inschrift keines der drei offiziellen Namenschemata, sondern eine hybride Form. War dies lediglich eine bürokratische Fehlleistung? Wohl kaum! Sollte man bei der Regensburger Legion wirklich während der zweijährigen Acht des Commodus von 193 bis 195 schon vergessen haben, wie der Text ursprünglich gelautet hatte? Und wenn ja, warum hat man dann eine Formel in die Rasur eingefügt, die ausgerechnet die Merkmale von 179 mit denen des Jahres 182 vereinigte? Wäre es nicht viel naheliegender gewesen, den letzten Stand der Titulatur von 192 einzusetzen, wie es andernorts tatsächlich geschah. Vor diesem Hintergrund wäre es vielleicht gerade noch zu verstehen, wenn man das Formular von 179 mit dem von 192 vermengt hätte.

Natürlich sind bürokratische Fehlleistungen keine Erfindung der Neuzeit, aber auch politische Sachzwänge nicht! Konkret heißt das: im Jahre 195 hätte man Commodus in jedem Fall als Sohn des divus, des göttlichen Mark Aurel bezeichnet. War doch die Selbstadoption des Septimius Severus in die Reihe seiner göttlichen Vorgänger der Hauptzweck der Rehabilitierung des Commodus. Höchstwahrscheinlich hätte man es aus diesem Grunde auch nicht versäumt, den Severus als den neuen Bruder des Commodus irgendwie in die Neubeschriftung mit aufzunehmen. Doch bei noch so starker Kürzung ist der Name des Severus im verfügbaren Raum nicht unterzubringen; ja es ist sogar offensichtlich, daß den Ahnen in der Zweitbeschriftung weniger Raum zugestanden wurde als in der Erstbeschriftung. Bezeichnenderweise findet sich die einzige erhaltene Buchstabenverbindung am Ende von Zeile 3 in IMP, und man hatte alle Mühe, im verbleibenden Raum die Ahnen seit Nerva einzusetzen.

Umgekehrt nehmen die in der Zeit um 195 ganz unwichtigen Siegertitel des Commodus einen überdimensionierten Raum ein. Sarmaticus müßte in den Zeilen 2 und 3 jeweils etwa gleich lang sein. Tatsächlich ist unschwer zu erkennen, daß das Wort in der Zweitbeschriftung breiter angelegt war als in der Zeile darüber. Besonders deutlich wird diese Tendenz zur Sperrung bei Germanicus maximus. Ausgerechnet dieser für 179 und 192 gleichermaßen ungültige Siegestitel fällt besonders breit aus, denn seinen 16 Buchstaben entsprechen in der Zeile darüber nicht weniger als 26! Die Ahnen eng, die Siegestitel weit: das war unmöglich unbeabsichtigt! Indem die Wiederbeschriftung die Siegertitel den Ahnen voranstellte und besonders breit einsetzte, rückte die Phrase Sarmaticus Germanicus maximus nicht nur in die Mitte der über 12 in langen Titulatur des Commodus, sondern räumlich und optisch in das Zentrum der gesamten Inschrift. Damit kann diese Wiederbeschriftung zu keiner anderen Zeit entstanden sein als in eben jener, in der diese Titel eine besondere Bedeutung hatten.

Da die Römer aufwendige Retuschen auf Inschriften aus propagandistischen Gründen kannten [35], besteht der begründete Verdacht, daß es auf den Kaiser selbst oder wenigstens auf seine beflissenen Repräsentanten vor Ort zurückging, wenn in Regensburg die Lagertorinschrift um 182 geändert wurde, indem Zeile 3 ganz und Zeile 4 zur Hälfte fein säuberlich gelöscht wurden und in die leichte Vertiefung eine neue Titulatur eingesetzt wurde. Commodus legte auf den selbst erworbenen Titel Germanicus maximus, den sein Vater Mark Aurel nie geführt hat, großen Wert, weil er damit dem Vorwurf der "Falken" im Generalstab seines Vaters, römische Positionen leichtfertig preisgegeben zu haben, wenigstens z.T. begegnen konnte. Gerade um 182 benötigte der erste im Purpur geborene, jugendliche Herrscher Roms die Loyalität der Legionen besonders, als er sich heftigen innenpolitischen Anfeindungen ausgesetzt sah, die bis zur Verschwörung der eigenen Schwester reichten. Die Regensburger Legion war noch jünger als Commodus. Wie er war auch sie eine Frucht der Antoninendynastie und dieser sicherlich treu ergeben. Ihre Kampfverbände hatten in der expeditio Burica zudem den letzten Sieg des langen Krieges erfechten, der den jugendlichen Kaiser zum "allergrößten Germanensieger" erhob [36]. Grund genug, stolz zu sein und zu retuschieren!

Wir haben also bezüglich des Commodus-Namens zwei Textfassungen zu unterscheiden, eine erste vom Frühjahr 179 und eine zweite etwa aus dem Jahr 182. Davon ist die erste in den gelöschten und später wiederbeschrifteten Partien der Zeilen 3 und 4 heute nicht mehr bzw. nur noch in ganz kümmerlichen Resten erhalten. An anderer Stelle findet sich ein Versuch, die beiden Fassungen zu rekonstruieren [37].



Marcus Helvius Clemens Dextrianus

Noch ' ein knappe Bemerkung zu dem in Zeile 5 verewigten Senator, der das Regensburger Bauunternehmen mit der Erstellung von "Mauer mit Toren und Türmen" zum Abschluß brachte. Von Marcus Helvius Clemens Dextrianus wissen wir nicht viel. Er könnte in Karthago in Nordafrika zu Hause gewesen sein, doch ist das ganz unsicher. Irgendwann in der Zeit zwischen 181 und 186 wurde er Konsul und spätestens im letztgenannten Jahr in Obergermanien als Statthalter Herr über zwei Legionen. Nach diesem amtlichen Aufenthalt in Mainz verlieren wir ihn aus dem Blick. Aufgrund der Regensburger Torinschrift hat man Dextrianus bis vor kurzem ohne den leisesten Zweifel für den ersten senatorischen Statthalter der Provinz Raetien gehalten, die vor Mark Aurel von Prokuratoren aus dem Ritterstand verwaltet worden war. Demgemäß ergänzte man seinen Titel in der letzten Zeile der Regensburger Lagertorinschrift zu leg(ato) Au[gustorum pro pr(aetore)]. Das war aber schon eine Interpretation, weil ja das pro praetore, das ihn zum Statthalter erhebt, gar nicht erhalten ist.

Erstaunlicherweise hat es kaum jemand gestört, daß vor dem Namen des Dextrianus ein gewaltiges Stück, etwa die Hälfte der Inschrift fehlt. Klar erkennbar ist hier auch eine saubere Ausmeißelung vor dem M. Demnach muß dort etwas gestanden haben, was radierenswert war. Dies kann kaum etwas anderes gewesen sein als ein Name und eine weitere Amtsbezeichnung eines ranghöheren Beamten, der nach 179, vermutlich unter Commodus, in Ungnade gefallen ist. Da wir, wie schon angedeutet, seit einigen Jahren starke Hinweise auf einen vorübergehenden administrativen Anschluß Raetiens an Obergermanien seit ca. 172/74 besitzen, liegt es nahe, in der geächteten Person gleichfalls einen obergermanischen Legaten zu sehen (P. Salvius Iulianus käme vielleicht in Betracht). M. Helvius Clemens Dextrianus war dann nur ein Legionskommandant ohne selbständige Statthalterfunktionen [38].



Schluß

Die Inschrift auf den beiden Quadern vom Lagerosttor ist voller Geheimnisse und Merkwürdigkeiten, die es genau zu beachten gilt. Natürlich wird manches ein begründeter Verdacht, eine Hypothese, bleiben müssen, solange wir nicht das Glück haben, weitere Fragmente zu finden. Trotzdem sollten wir den Mut haben, unserer derzeitigen Sichtweise Ausdruck zu verleihen [39]. Der nicht unbeschwerliche Weg dazu ist zur Erhellung des Keims von Regensburgs geschichtlichem Selbstverständnis unverzichtbar. Er führt uns zurück zu großen weltpolitischen Ereignissen ebenso wie zu kleinen, im Grunde unbedeutenden Geschehnissen am Rande einer zivilisierten Welt. So wie beide damals untrennbar miteinander verwoben waren, so untrennbar ist das heutige Regensburg mit seiner eigenen, schon in den frühen Jahren ruhmvollen Geschichte verknüpft. Das beweist jeder Spaziergang in dieser schönen Stadt aufs Neue - auch wenn er entlang der Römermauer bei weitem nicht mehr auf so viele Brauereien stößt wie noch vor 100 Jahren.





Anmerkungen

[1]   Die Vortragsform wurde weitgehend beibehalten, Nachweise erfolgen nur exemplarisch. Die ausführliche Neuvorlage der Inschrift erfolgt gemeinsam mit Herrn Dipl.-Ing. Thomas Aumüller, München, dem eine Bauaufnahme der Steine zu verdanken ist. Ihm danke ich für einige wichtige Hinweise. [Zurück]  
[2]   Vgl. B. Lewis, The Roman Antiquities of Augsburg and Ratisbon, in: Archaeological Journal 48, 1891, S. 137-161, 396-415, bes. 399. [Zurück]  
[3]   Vgl. z. B. K. Dietz u. Th. Fischer, Die Römer in Regensburg, Regensburg 1996, mit weiterer Literatur. Nachzutragen ist A. Schmid, Regensburg. Reichsstadt - Fürstbischof - Reichsstifte - Herzogshof (Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern, Heft 60), München 1995, S. 1-28. [Zurück]  
[4]   Zum archäologischen Befund der Markomannenkriege Th. Fischer, Archäologische Zeugnisse der Markomannenkriege (166-180 n.Chr.) in Raetien und Obergermanien, in: H. Friesinger, J. Tejral, A. Stuppner (Hrsg.), Markomannenkriege. Ursachen und Wirkungen, Brno 1994, S. 341-354; ferner ders., in: W. Czysz, K. Dietz, Th. Fischer, H.-J. Kellner, Die Römer in Bayern, Stuttgart 1995, S.,151-155. Vgl unten Anm. 6. [Zurück]  
[5]   Année Epigraphique 1985,693; vgl. K. Dietz, Zur Verwaltungsgeschichte Obergermaniens und Rätiens unter Mark Aurel, in: Chiron 19, 1989, S. 405-446. [Zurück]  
[6]   Der 1989 in Kumpfmühl gefundene Hortfund, der u.a. 619 Denare und 25 Goldmünzen enthielt, scheint darauf hinzuweisen, daß Regensburg schon in der Anfangsphase der Markomannenkriege ein Angriffsziel gewesen war; so Jedenfalls B. Overbeck nach M. Sperb, Mittelbayerische Zeitung, 14. Januar 1997: laut Overbeck gelangten acht Denare von 166 (davon sechs vom selben Stempel) stempelfrisch in die Erde. Bis zur endgültigen Publikation bleiben die Bedenken von A. Faber, Das römische Auxillarkastell und der Vicus von Regensburg-Kumpfmühl (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 49), München 1993, S. 93 mit Anm. 191a gültig. [Zurück]  
[7]   Nach den 1996 vorangetriebenen Bauforschungen von Th. Aumüller wird man Dietz-Fischer (wie Anm. 3) S. 91f. erfreulicherweise präzisieren können. [Zurück]  
[8]   Année Epigraphique 1986,532; siehe K. Dietz, Die älteste Weihinschrift aus dem Regensburger Legionslager, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 49, 1984, S. 79-85. [Zurück]  
[9]   Année Epigraphique 1983,730; siehe K. Dietz, Kastellum Sablonetum und der Ausbau des rätischen Limes unter Kaiser Commodus, in: Chiron 13, 1983, S. 497-536; vgl. W Zanier, Das römische Kastell Ellingen, Mainz 1992. [Zurück]  
[10]   Dazu und zum Folgenden K. Dietz, Zum Ende der Markomannenkriege:die expeditio Germanica tertia, in: H. Friesinger, J. Tejral, A. Stuppner (Hrsg.), Markomannenkriege. Ursachen und Wirkungen, Brno 1994, S. 7-15. [Zurück]  
[11]   Zum Folgenden vgl. P. Reinecke, Die Porta principalis dextra in Regensburg, in: Germania 36, 1958, S. 89-96 (daher auch die Zitate); vgl. allgemein G. Waldherr (Hrsg.), 500 Jahre auf den Spuren der Römer. Geschichte der Erforschung des römerzeitlichen Regensburg, Regensburg 1994. [Zurück]  
[12]   Zu Dahlem jetzt die um Gerechtigkeit bemühte Würdigung von H. Kaletsch, Joseph Dahlem - Pfarrer und Altertumsfreund (1826-1900), in: K. Dietz u. G. Waldherr (Hrsg.), Berühmte Regensburger. Lebensbilder aus zwei Jahrtausenden, Regensburg 1997, S. 269-279. [Zurück]  
[13]   Siehe dazu H.-E. Paulus, Baualterspläne zur Stadtsanierung - Regensburg, V: Lit. G Pauluserwacht, München 1984, S. 106-109. Besonders wichtig für die Lokalisierung des Tores sind der Katasterplan von 1809 (Paulus, Abb. 9) und der Grundriß des Umbauprojekts von E. J. von Herigoyen vom 16. August 1810 (Paulus, S. 108, Abb. 27; Abb. 190), auf den mich vor Jahren H. Reidel aufmerksam gemacht hat. Dafür danke ich ihm auch an dieser Stelle. [Zurück]  
[14]   U. Osterhaus, Baubeobachtungen an der Via principalis im Legionslager von Regensburg, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 39, 1974, S. 160-180. [Zurück]  
[15]   Z.B. Museum der Stadt Regensburg Lap. 80; 194-196: Corpus Signorum Imperii Romani I 1, S. 382 Taf. 103; S. 459-461 Taf. 127. [Zurück]  
[16]   F. Ohlenschlager, Das römische Militärdiplom von Regensburg. Sitzungsberichte der philologischen und historischen Classe der K. b. Akademie der Wissenschaften zu München 1874, II, S. 193-230, hier: 219. Zu den Kosten H. v. Walderdorf, VHVO 32, 1877, Beilage X. [Zurück]  
[17]   Nach Reinecke (wie Anm. 11) S. 95, Abb. 1,2. [Zurück]  
[18]   Allgemeine Zeitung 1873, Beilage Nr. 136; vgl. Augsburger Postzeitung 1873, Nr. 111 und danach Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit NF 20, 1873, S. 150 Nr. 36 f., S. 181 f. Nr. 47. [Zurück]  
[19]   Nach Reinecke (wie Anm. 11) S. 95, Abb. 1,3. [Zurück]  
[20]   J. E. Bogaers, Regensburger Rätsel, in: Studien zu den Militärgrenzen Roms III: Vorträge des 13. Internationalen Limeskongresses, Aalen 1983 (Forschungen und Berichte zur Vor- u. Frühgeschichte in Baden-Württemberg 20), Stuttgart 1986, S. 127-134, hier: 127-129, 132 f. [Zurück]  
[21]   R. Rebuffat, Les inscriptions des portes du camp de Bu Njem (Notes et documents IV), in: Libya antiqua 9/10, 1972/73, S. 99-120, Taf. 38-44; weiteres bei Bogaers (wie Anm. 20) S. 133, Anm. 25. [Zurück]  
[22]   Bogaers (wie Anm. 20) S. 128. [Zurück]  
[23]   Wichtige bisherige Editionen: O. Hirschfeld, Corpus Inscriptionum Latinarum III, Nr. 11965 u. S. 232852; F. Vollmer, Inscriptiones Baivariae Romanae sive Inscriptiones provinciae Raetiae adiectis aliquot Noricis Italicisque, München 1915, S. 362 Taf. 49; vgl. Année Epigraphique 1971,229; 1986,533; 1987,791; und Dietz (wie Anm. 5) S. 424-429. [Zurück]  
[24]   Dazu W Szaivert, Die Münzprägung der Kaiser Marcus Aurelius, Lucius Verus und Commodus (161-192) (Moneta Imperii Romani 19), Wien 1986, S. 185, 213. [Zurück]  
[25]   Dazu unten Anm. 27. [Zurück]  
[26]   T. Bechert, Römische Lagertore und ihre Bauinschriften. Ein Beitrag zur Entwicklung und Datierung kaiserzeitlicher Lagertorgrundrisse von Claudius bis Severus Alexander, in: Bonner Jahrbücher 171, 1971, S. 201-287, bes. 204-206,242-246. [Zurück]  
[27]   Année Epigraphique 1987,843; 1990,1023. [Zurück]  
[28]   Ephemeris Epigraphica II (1875) 448 Nr. 1001; vgl. z.B. noch A. Radnóti, Regensburger Inschriften, in: M. Wörrle (Hrsg.), Akten des Vl. Internationalen Kongresses für Griechische und Lateinische Epigraphik München 1972, München 1973, S. 385-395, bes. 388-390. [Zurück]  
[29]   Vgl. schon A. Schmid, Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 43, 1980, S. 672; in einem Brief an den Verfasser bemerkte S. Rieckhoff am 6. Mal 1978: "Ich muß dir außerdem mitteilen, daß die Bauinschrift auf dem Boden liegt, unbeschädigt. Die Rasur ist jetzt sehr schön zu sehen (ziemlich groß)." [Zurück]  
[30]   Siehe z. B. B. Baldwin, Commodus the good poet and good emperor: explaining the inexplicable, in: Gymnasium 97, 1990, S. 224-231. [Zurück]  
[31]   So Bogaers (wie Anm. 20). [Zurück]  
[32]   Rebuffat (wie Anm. 21). [Zurück]  
[33]   Corpus Inscriptionum Latinarum III, Nr. 11965. [Zurück]  
[34]   Detaillierter und mit Nachweisen Dietz (wie Anm. 8) S. 83 f.; vgl. G. L. Gregori, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 106, 1995, S. 271. [Zurück]  
[35]   Z.B. W. Kuhoff, Iulia Aug. mater Aug. n. et castrorum et senatus et patriae, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 97, 1993, S. 259-271. [Zurück]  
[36]   Dazu K. Dietz (wie Anm. 10). [Zurück]  
[37]   Dietz-Fischer (wie Anm. 3) S. 113. [Zurück]  
[38]   Dietz (wie Anm. 5) S. 424-429. [Zurück]  
[39]   Sofern dies überhaupt noch möglich ist, sollte man die wertvollen Steine von ihrem Betonsockel des Jahres 1979 befreien.  

Autor: Karlheinz Dietz
Quelle:
http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_III/Geschichte/Alte_G/
roemer/texte/auf_dietz.htm