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Vom römischen Militärlager zur mittelalterlichen Stiftskirche


Ab.1 Luftbild der Regensburger Altstadt. Deutlich zeichnen sich der Verlauf der römischen Lagermauer und die Lagerhauptstraßen ab (Pfeil: Niedermünsterkirche).



Wenn heute ein Reisender Regensburg besucht, wird er sich kaum darüber bewusst sein, dass er schon wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt das Territorium des 179 n. Chr. gegründeten römischen Legionslagers betritt und sich bis zum Erreichen der Donau innerhalb der Lagermauern bewegt (Abb. 1 und 6). Es ist jedoch kein Zufall, dass Regensburg schon im Frühmittelalter zur Residenz der agilolfingischen Herzöge mit Bischofssitz wurde und daraus schließlich einer der bedeutendsten Bestände mittelalterlicher Profan- und Sakralarchitektur in Deutschland resultierte. Es sei daran erinnert, dass Regensburg seit Karl dem Großen Residenz der ostfränkischen Könige war, zudem mehrmals Ort von Reichsversammlungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und 1245 zur freien Reichsstadt avancierte, was dem Ort eine enorme wirtschaftliche Prosperität bescherte. Die Wurzeln all dessen liegen freilich in der römischen Geschichte des Platzes, die sich bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen lässt.

Reginum – ein klug gewählter Platz an der Donau

Dass die Römer vermutlich schon bald nach Erreichen der Donau unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) in strategisch günstiger Situation gegenüber der Mündung des Regen in die Donau eine erste Befestigung eingerichtet haben, belegen einzelne archäologische Funde aus dieser Zeit. Der inmitten einer fruchtbaren Lösszone liegende Platz verfügte nicht nur über eine Schiffslände und einen Donauübergang, sondern es trafen dort auch vorrömische Fern und Handelswege aufeinander: auf der Niederterrasse die von Westen nach Osten verlaufende Donausüdstraße sowie mehrere Nord-Süd- Trassen, die sich vom Fränkischen Jura jenseits der Donau nach Süden fortsetzten und dort Anbindung an das Straßennetz der Provinz Raetien hatten (Abb 2.). Die Donau trennte bis in die Spätantike das römische Reich vom germanisch besiedelten Barbaricum.

Ab.2 Topographie des römischen Regensburg.



Der Platz wurde in den römischen Quellen zunächst nach dem Fluss Regen „Reginum“ genannt, wohl erst später wird mit dem Namen Castra Regina auch der Befestigung Rechnung getragen. Ungewiss ist hingegen, ob der auf einen keltischen Wortstamm zurückgehende Ortsname Radaspona, der erstmals bei Arbeo von Freising in der Lebensbeschreibung des hl. Emmeram (abgefasst um 770 n. Chr.) auftaucht, auf eine (vorrömische?) Schiffslände bzw. das erste Kastell einer römischen Hilfstruppe in Kumpfmühl bezogen werden kann (Abb. 2).

Provinzialrömische und frühgeschichtliche Archäologie in Regensburg

Während sich uns der mittelalterliche Baubestand in Regensburg heute unmittelbar und eindrucksvoll erschließt – man denke an die Pfalz am Kornmarkt, den Dom St. Peter, das Kloster St. Emmeram müssen Antworten auf Fragen, welche die römische und frühmittelalterliche Topographie Regensburgs betreffen, mit Hilfe archäologischer Ausgrabungen gefunden werden. Eine Ausnahme bildet für die römische Zeit nur die aus Steinquadern errichtete Umfassungsmauer des etwa 542 x 453 m (ca. 25 ha) großen Legionslagers, die an einigen Stellen noch vorzüglich erhalten ist und einer der Gründe für die Siedlungskontinuität von der römischen Zeit in das Frühmittelalter war: Die weit über die römische Zeit hinaus reichende Bedeutung der Mauern geht wiederum aus der Emmeramsvita hervor: „Die Stadt (...) Radaspona war uneinnehmbar, aus Quadersteinen erbaut, wurde hoch überragt von mächtigen Türmen und war überreich an Brunnen.“ Berühmtestes Zeugnis und Teil der Umwehrung ist das zur Donau hin liegende Haupttor des Lagers, die Porta Praetoria (Abb. 3). Über dem östlichen Lagertor befand sich ursprünglich auch die sekundär verbaute, noch 3,25 m breite Gründungsinschrift, aus der hervorgeht, dass die Befestigung unter Kaiser Marc Aurel 179 n. Chr. für die 3. Italische Legion errichtet wurde (Abb. 4).

Ab.3 Haupttor (Porta Praetoria) des römischen Legionslagers.



Dem Legionslager ging ein wesentlich kleineres Kastell von 1,9 ha Größe für eine Hilfstruppe auf dem Königsberg bei Kumpfmühl voraus (Abb. 2), vermutlich lag zur gleichen Zeit ein weiteres Kastell an der Donau. Beide Anlagen wurden in den 170er Jahren im Zusammenhang mit räuberischen Einfällen der germanischen Markomannen in die Provinz Raetien zerstört und nicht wiederaufgebaut. Stattdessen wurden von Kaiser Marc Aurel in Italien zwei neue Legionen ausgehoben, die beide in der Haupteinfallszone der Markomannen an der Donau stationiert wurden: die Legio II Italica in Lauriacum/Lorch-Enns (Oberösterreich) und die Legio III Italica in Reginum/Regensburg. Mit dieser Maßnahme kamen 6.000 römische Bürger zuzüglich einer nicht näher bekannten Anzahl an Personen im Tross nach Regensburg. Die Stationierung einer Legion bedeutete zugleich eine Aufwertung der Provinz Raetien, die fortan von einem Statthalter aus dem römischen Senatorenstand verwaltet wurde. Er hatte Befehlsgewalt über sämtliche in Raetien stationierten Truppen. Provinzhauptstadt und Statthaltersitz blieb jedoch wie zuvor Augusta Vindelicum/ Augsburg.

Ab.4 Gründungsinschrift des Legionslagers (179 n. Chr., später verändert).



Kirchen und Kasernen: Regensburg-Niedermünster als Fallbeispiel für die Kontinuitätsfrage

Der Einbau einer Heizung in der Niedermünster-Kirche bot 1963 eine der wenigen Gelegenheiten, innerhalb der Regensburger Altstadt eine großflächige Grabung durchzuführen. Da sich schon bald zeigte, dass dort eine ungestörte Schichtsequenz von der vorgeschichtlichen über die römische Zeit bis in das Hohe Mittelalter vorliegt, wurde aus einer „Rettungsgrabung“ des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege eine „Forschungsgrabung“, die sieben Jahre in Anspruch nahm (1963–1969) und in diesem Umfang nur mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie Zuwendungen des Domkapitels und der Dompfarrei finanziert werden konnte (Abb. 5). Der Bedeutung dieser Ausgrabungen wurde schließlich durch die Einrichtung eines öffentlich zugänglichen archäologischen Untergeschosses Rechnung getragen, in dem die Befunde konserviert sind. Das Niedermünster-Projekt liegt seit 1994 als Forschungs- und Publikationsvorhaben bei der Kommission zur vergleichenden Archäologie römischer Alpen- und Donauländer der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und steht kurz vor seinem Abschluss durch zwei monographische Abhandlungen. Die durch die wissenschaftliche Auswertung erzielten Ergebnisse sollen im archäologischen Untergeschoss in ein neues Führungskonzept eingebunden und der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Ab 6 Das Regensburger Legionslager mit Eintragung der Ergrabenen Baubefunde aus römischer Zeit. 1 Porta Praetoria. 2 Porta Principalis Dextra. 3 Centurienkasernen unter dem Niedermünster. 4 Großbau im Bereich des Alten Kornmarktes. 5 Tribunenhaus (?). 6 Principia (a Eingang, b So-ecke). 7 Hallenbau. 8 Centurionenunterkünfte im Bereich der Grasgasse.



Das Niedermünster-Areal befindet sich in der äußersten Nordostecke des römischen Legionslagers (Abb. 6). Dem Schema römischer Militärarchitektur folgend, lagen dort die Mannschaftsunterkünfte, die jeweils eine taktische Einheit, eine Centuria, aufnahmen. Diese zu den Lagergassen hin orientierten Centurienbaracken bestanden in der Regel aus zehn Räumen (contubernia), welche in einen straßenseitigen Nutzraum (arma) und einen Schlaf- und Wohnraum (papilio) für jeweils acht Mann unterteilt waren. Den Contubernia war straßenseitig eine Art Laubengang (porticus) vorgelagert. Am Kopf der Baracke befanden sich die weitaus großzügigeren Räume für den Kommandanten (centurio) der Mannschaft, welche meist auch luxuriöser ausgestattet waren.

Bei den Ausgrabungen unter dem Niedermünster konnten vier solcher lang gestreckter Baracken nachgewiesen werden, die während ihrer Bestandszeit mehrfach zerstört oder umgebaut wurden (Abb. 7, 9). Während die Lagermauer von Anfang an aus massiven Steinquadern errichtet war und mit 10 m Höhe und 2 m Breite einen sehr wehrhaften Charakter hatte, bestanden die Unterkünfte aus der Gründungszeit des Lagers aus einfachen laubhüttenähnlichen Holzbauten, von denen Teile des Aufgehenden mit Lehm ausgefacht waren. Nach immerhin gut 60 Jahren Bestandszeit fielen sie um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. einer großen Brandzerstörung zum Opfer, die auf Einfälle germanischer Stämme in die Provinz Raetien zurückzuführen ist. Relativ zügig begann man mit dem Wiederaufbau der Baracken, nun aber in einer stabileren Technik, mit Lehmfachwerk auf Steinsockeln. Neuerliche Germaneneinfälle führten aber schon bald zu einem zweiten Flächenbrand innerhalb des Lagers, der auch an anderen Grabungsplätzen in Regensburg nachgewiesen und in die Zeit um 280 n. Chr. datiert werden konnte. Mächtige Brandschuttschichten legen Zeugnis von diesen beiden Zerstörungen ab (Abb. 9). Die jüngere Bautechnik hatte gegenüber der reinen Holzkonstruktion den Vorteil, dass die Baracken nicht völlig niederbrannten, sondern die Sockel erhalten blieben und wieder verwendet werden konnten. Die Ursache, dass germanische Stämme überhaupt eine Festung wie das Legionslager von Regensburg zum Ziel ihrer Angriffe machten, lag wohl in der Abwesenheit von Teilen der Legio III, die im 3. Jahrhundert mehrfach zu den langjährigen Feldzügen gegen die Parther an der Ostgrenze des Reiches jenseits des Euphrat eingesetzt waren.

Aufgrund militärgeschichtlicher Umstrukturierungen erfolgte die Instandsetzung aus heutiger Sicht jedoch recht provisorisch: Da im späten 3. und 4. Jahrhundert die Legion reduziert und Teile derselben zunächst außer Landes und dann an verschiedenen Stationierungsorten innerhalb der Provinz Raetien eingesetzt wurden, stellte man nur so viel Raum wieder her, wie zur Unterbringung der in Regensburg verbliebenen „Restlegion“ benötigt wurde. Die minutiöse Analyse der Grabungsdokumentation hat ergeben, dass in erster Linie die ehemaligen Abstellräume (armae) der Baracken vom Schutt freigeräumt und restauriert wurden, während die rückwärtigen Räume, die ehemaligen Papiliones, mit Brandschutt verfüllt blieben. Es ist nicht auszuschließen, dass sich diese Maßnahmen bis in die 330er Jahre hingezogen haben, als die unter Kaiser Diokletian eingeleiteten militärischen Reformen, zu denen auch die Verkleinerung und Aufteilung der Legionen gehörte, ganz zum Tragen kamen. Erst um 400 n. Chr. erfolgte eine grundsätzliche Umstrukturierung der Baulichkeiten: Durch den Einbau lehmgebundener Mäuerchen gab man nun das oben beschriebene Bebauungsschema der Barackenunterkünfte zugunsten eines Gebäudes mit durch kleinere, um einen Hof gruppierte Räume auf (Abb. 7 unten). Der Einbau einer Kanalheizung sorgte für einen zuvor nicht nachzuweisenden Wohnkomfort.


Ab.7
Ergänzte Grundrisse der römischen Baustrukturen unter dem Regensburger Niedermünster.

oben: Mittelkaiserzeitliche Stein Fachwerk Baracken (lila);
unten: Spätantike Umbauten in den Baracken 2 und 3 (grün).



Das Fundspektrum aus den zu dieser Phase gehörigen Siedlungsschichten weist sowohl höhere militärische oder zivile Beamte (Abb. 10) nach, als auch Frauen. Da der Grundriss des Gebäudes sich an vorwiegend aus Italien bekannte, gehobene Wohnarchitektur anlehnt, ist nicht auszuschließen, dass wir hier den Wohn- und/oder Amtssitz eines offiziellen Repräsentanten Roms vor uns haben. Zu denken wäre etwa an Personen aus dem Umfeld des Dux Raetiae, des für die raetischen Truppen zuständigen Heerführers, der mit seinem Stab vermutlich bis zum Ende römischer Militärpräsenz in Raetien (um 475 n. Chr.) in Regensburg und nicht in der Provinzhauptstadt Augsburg residierte.

Dieses Ergebnis steht konträr zu der älteren Forschungsmeinung, welche die Auflösung der klassischen Lagerarchitektur, zu der auch die Verschmälerung und Vernachlässigung der Wege zählt, auf die Anwesenheit germanischer Heeresverbände zurückführte. Unter dem in den späteströmischen Schichten enthaltenen Material fanden sich jedoch keine germanischen Funde in nennenswerter Zahl. Diese treten erst in Zusammenhang mit der systematischen Demontage und Teilplanierung der römischen Gebäude auf und datieren nicht vor Mitte/zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts. Die durch spezifische Trachtbestandteile und insbesondere Keramik (Abb. 11) nachweisbare germanische Bevölkerung erweist sich also nicht als Kontinuitätsträger, sondern ist für einen massiven Bruch in der Nutzung der römischen Gebäude verantwortlich, welche schließlich mit einer Planierung versiegelt wurden. Abgesehen von der Beibehaltung der beiden Lagergassen und der sie begrenzenden Mauerfluchten wurde von der römischen Bebauung unter dem Niedermünster so gut wie nichts in das Frühe Mittelalter tradiert. Im Gegenteil: Auf der beschriebenen Planierung wuchs eine humose Schicht bis auf eine Höhe von 0,6 m an. Solche „schwarzen Schichten“ kennen wir aus fast allen Regionen der Nordwestprovinzen aus demselben zeitlichen Kontext. Bei den Niedermünster- Grabungen ließen sich auf dem Niveau der „schwarzen Schicht“ Pfostenkonstruktionen nachweisen. Man darf den Befund wohl dahingehend interpretieren, dass hier im späten 5. Jahrhundert Agrarflächen angelegt und Gebäude in Leichtbauweise errichtet wurden. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass neben Germanen auch die Nachfahren der provinzialen Bevölkerung, Romanen, dort lebten. Auch hierfür liefern einschlägige keramische Funde Belege.

Ab.8 Römische Funde aus den Mannschaftsbaracken



Die Situation am Übergang in das Frühe Mittelalter stellt sich nach eingehender Analyse des Ausgrabungsbefundes also weitaus komplexer dar, als bisher angenommen. Wenn Arbeo von Freising Regensburg im Zusammenhang mit der Nennung der römischen Bausubstanz „metropolis“ des baierischen Stammesherzogtums nennt, so ist mit diesen Passagen zugleich der zentrale Fragenkreis umrissen, der sich bei der Auswertung der Grabungen unter dem Niedermünster hinsichtlich der Kontinuitätsfrage erhebt: Gibt es überhaupt einen funktionalen Bezug der spätantiken Strukturen zu denen der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters und in welchem Verhältnis stehen die agilolfingerzeitlichen Befunde unter dem Niedermünster zum vermuteten Herzogshof am Kornmarkt?

Ab.9 Architekturbefunde der römischen Zeit. Im Vordergrund dunkle Verfärbung einer Holzkonstruktion im lehmigen Grund, darüber verbrannter römischer Bauschutt. Über diesen zieht eine Spätantike Mauer.



In dem ersten Gebäudegrundriss aus dem Frühmittelalter hat schon der Ausgräber eine einfache, etwa 23 m lange Kirche mit Rechteckchor aus dem späteren 7. Jahrhundert rekonstruiert (Abb. 12,1). Es handelt sich um eine Holz- oder Fachwerkkonstruktion auf Steinfundamenten, die teilweise auf den römischen Mauerstümpfen aufliegen. Auf sie folgt eine Steinkirche aus dem ersten Drittel des 8. Jahrhunderts (um 720) vom Typus der Saalkirche mit Rechteckchor, die in einer jüngeren Phase nochmals nach Osten erweitert wurde (Abb. 12,2; Gesamtlänge 46 m). Erstmals lässt sich mit dieser jüngeren Kirche nun auch ein Bezug zum Herzogshof herstellen, denn an der nördlichen Längswand der Saalkirche lag das Grab des um 715/20 verstorbenen hl. Erhard, der als Wanderbischof nach Regensburg kam und Bischof am Hofe des agilolfingischen Herzogs Theodo (Regierungszeit 680–718) wurde. Bemerkenswert ist die Wiederverwendung eines römischen Sarkophagdeckels als Abdeckung des Erhardgrabes (Abb. 13). Es ist sicher kein Zufall, dass hier an eine römische Sitte angeknüpft wurde, die in der Heimat Erhards, in der Provinz Narbonnensis (Provence, Südfrankreich), bis in frühmittelalterliche Zeit üblich war, in Raetien hingegen zugunsten anderer Grabformen aber aufgegeben wurde.

Ungeachtet dessen, wo genau die agilolfingische Pfalz gelegen hat – die Pfalz am Alten Kornmarkt ist erst für die karolingische Zeit belegt – , darf man zweifellos davon ausgehen, dass sich das Niedermünster im unmittelbaren Einzugsbereich derselben befand. Dass es sich bei den frühen Sakralbauten unter dem Niedermünster um die erste Pfalzkapelle und bis zur Errichtung des Domes St. Peter 778 möglicherweise auch um die Bischofskirche gehandelt hat, zeigen mehrere Bestattungen im Chor der älteren Steinkirche. Denn wie die Ausgrabungen erbracht haben, blieb der Niedermünster-Chor auch bei den jüngeren Kirchenbauten stets die herzogliche Grablege. In Analogie dazu darf man den Schluss ziehen, dass sich unter diesen privilegierten Chorgräbern in der älteren, agilolfingerzeitlichen Steinkirche auch das von Herzog Theodo und seiner Familie befindet.

Ab.10 Gewandspange (Fibel) und Gürtelbeschlag aus der Niedermünstergrabung. Sie sind Bestandteil der Spätrömischen Amts und Militärtracht (2. Hälfte 4. bzw. frühes 5. Jh. n. Chr.).



Nach Absetzung der Agilolfinger 788 wurde von Ludwig dem Deutschen im mittleren 9. Jahrhundert die neue Pfalz (nachgewiesen am Kornmarkt) in Auftrag gegeben, die Pfalzkapelle unter dem Niedermünster wurde vermutlich zu dieser Zeit zu einem adeligen Damenstift, dem Monasterium inferioris, umgewandelt. Es ist anzunehmen, dass damit auch die Um- und Anbauten an der älteren Steinkirche in Zusammenhang stehen, insbesondere, als der Laienbereich nun durch eine Schranke abgetrennt wurde. Nebenräume dienten liturgischen Zwecken.

Nach gut 200 Jahren wurde um 950 von Herzog Heinrich I., dem Bruder Ottos des Großen, ein kompletter Neubau von Kirche und Stift in die Wege geleitet: bei der neuen Niedermünster-Kirche handelt es sich um eine 46 m lange, dreischiffige Basilika mit Querhaus und Dreiapsidenabschluss (Abb. 12,3). 955 wurde Herzog Heinrich in einem Kalksteinsarkophag vor dem Hauptchor beigesetzt, 985 wurde seine Gemahlin Judith neben ihm in einem gemauerten Kammergrab zur Ruhe gebettet. Schwiegertochter Gisela, die Gattin Heinrich des Zänkers, wurde vor dem südlichen Nebenchor in einem wiederverwendeten römischen Sarkophag bestattet. Da das Grab Heinrichs direkten axialen Bezug zu den älteren Gräbern an der Südwand des karolingischen Chores nimmt, scheint deren Interpretation als Herzogsgräber – wie oben bereits ausgeführt gerechtfertigt. Durch die herzogliche Grablege genoss die Niedermünster-Kirche zweifellos ersten Rang unter den Regensburger Kirchen. Dies änderte sich erst, als 1002 der luitpoldingische König Heinrich II. seine Residenz und damit auch die Grablege nach Bamberg verlegte.

Ein für die Interpretation der Anlage folgenreicher baulicher Eingriff wurde jedoch noch 1052 vorgenommen. Es handelt sich um die feierliche Heiligsprechung Bischof Erhards, der nach einer Urkunde aus dem Jahr 973 Nebenpatron der vermutlich Maria geweihten Kirche war, durch Papst Leo IX. Denn nun wurde das Grab Erhards, das schon in der karolingischen Kirche vom Fußboden überdeckt war, wieder ins Gedächtnis gerufen und sichtbar gemacht: Über einen Schacht stieß man bis zum Sarkophag vor und barg einen Teil der Gebeine als Reliquien. Schließlich wurden die Wände des Schachtes bis zum ottonischen Fußboden aufgemauert, um auf diesem Niveau das verehrungswürdige Grab zu präsentieren und mit dem originalen giebelförmigen Sarkophagdeckel abzuschließen. Der Erhardverehrung wurde durch die Einbringung zweier Öffnungen (fenestellae) in den Deckel, durch welche Devotionalien eingebracht werden konnten, Rechnung getragen (Abb. 13). Erst durch diese Maßnahme lässt sich das erhobene Grab mit großer Sicherheit auch für die älteren Phasen Bischof Erhard zuweisen.

1152 fielen Stift und Kirche einem Brand zum Opfer. Es folgte wiederum ein kompletter hochromanischer Neubau der Kirche, wie er – abgesehen von barocken Ausgestaltungen im Innenraum – noch heute vor uns steht (Abb. 12,4).

Ab.11 Germanische Keramik aus der Niedermünstergrabung (5. Jh. n. Chr.).



Kontinuität?

Stellt man sich nun nochmals die Frage der Kontinuität am Beispiel Niedermünster, so lässt sich diese unter verschiedenen Gesichtspunkten beantworten. Zunächst innerhalb der römischen Epoche: mit gutem Grund ist hier ein deutliches „Ja“ angebracht. Zum einen, weil die aus der mittleren Kaiserzeit tradierte Militärachitektur trotz mehrerer Zerstörungen und gravierender Veränderungen in der Heeresorganisation bis in das späte 4. Jahrhundert beibehalten wurde.

Ab. 12 Bauabfolge der Sakralbauten im Bereich der Niedermünsterkirche. 1 erste Saalkirche (Holzkonstruktion auf Steinsockel) aus dem späten 7. Jahrhundert. 2 Saalkirche aus Stein um 720 (später erweitert). 3 Ottonische Basilika 950/55. 4 Romanische Basilika nach 1152.



Zum anderen, weil nachgewiesen werden konnte, dass Regensburg keineswegs schon um 400 n. Chr. germanischen Föderaten überlassen wurde, sondern sich hier bis über die Mitte des 5. Jahrhunderts hinaus offizielle Repräsentanten Roms aufhielten, deren Ansprüche mit mediterranen Importen und adäquater Wohnarchitektur gedeckt wurden. Auch für das Mittelalter kann die Kontinuitätsfrage positiv beantwortet werden: Es liegt hier ein Platz vor, an dem sich eine sakrale Tradition vom späten 7. Jahrhundert bis in das Hochmittelalter fassen lässt. Als herzogliche Grablege ist die Bindung des Platzes an den Herzogshof über gut 300 Jahre nachzuweisen. Schlechter bestellt ist es hingegen mit der Kontinuität von der römischen Zeit in die Völkerwanderungszeit und das Frühe Mittelalter. Außer der Tatsache, dass einige jüngere Mauern auf römische Bezug nehmen, lässt sich kein inhaltlicher Zusammenhang zwischen den Baulichkeiten dieser beiden Epochen herstellen. Mit der „schwarzen Schicht“ ist die römische Zeit besiegelt. In welcher Form sich mit diesem Zustand die romanische Restbevölkerung arrangierte und wie das Zusammenleben mit den neuen Herren germanischer Herkunft konkret ausgesehen hat, darüber wird künftige Forschung an anderen Plätzen hoffentlich Klarheit bringen.

Ab. 13 Erhobenes Grab des hl. Erhard mit römischem Sarkophagdeckel. Gut sichtbar ist die Auskleidung der Erhebungsgrube mit gemörtelten Steinen, darunter die Steinplatten der ursprünglichen Grablege. Der Sarkophagdeckel liegt nun über dem Ottonischen Estrich.





Bibliographischer Hinweis:

M. Konrad, Die Ausgrabungen unter dem Niedermünster zu Regensburg II. Bauten und Funde der römischen Zeit. Auswertung. Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 57 (2005).

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Luftbildarchiv Nr. 6938/001/960/53. Abb. 2: Ergänzt nach K. Schwarz, Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 13/14, 1972/73, 33 Abb. 12. Abb. 3 und 4: Aus K. Dietz/Th. Fischer, Die Römer in Regensburg (1996) 95 Abb. 33; 113 Farbabb. 1. Abb. 5: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (K. Schwarz). Abb. 6: Ergänzt nach M. Mackensen, Journal of Roman Archaeology Suppl. 32 (1999) 217 Abb. 7.13. Abb. 7: M. Lerchl/R. Winkelbauer (München) nach Vorgabe der Autorin. Abb. 8 –11, 13: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege. Abb. 12: Nach K. Schwarz, Die Ausgrabungen im Niedermünster zu Regensburg. Führer zu archäologischen Denkmalen in Bayern 1 (1971) Rückenkladde.


Autor: Michaela Konrad

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kommission zur vergleichenden Archäologie römischer Alpen- und Donauländer und Privatdozentin an der Universität Freiburg i. B.


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