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Kern der Wahrheit in der Svava?

Der Text des Nibelungenliedes

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» Diese Saga ist eine der größten Sagas,
die in deutscher Sprache verfasst wurden...
Hier kann man nun hören die Erzählungen deutscher Männer, wie diese Begebenheiten vor sich gegangen sind, und zwar von etlichen, die in Soest geboren sind, wo diese Ereignisse sich zugetragen haben, und die manchen Tag die Stätten noch unzerstört gesehen haben, wo diese Begebnisse sich ereigneten: wo Hagen fiel oder Irung erschlagen ward, oder den Schlangenturm, in dem König Gunter den Tod fand, und den Garten, der noch Niflungengarten genannt wird. Und es steht alles noch auf dieselbe Weise, wie es damals war, als die Niflungen erschlagen wurden; auch die Tore: das östliche Tor, wo zuerst der Kampf sich erhob, und das westliche Tor, das Hagens Tor genannt wird, das die Niflungen in den Garten brachen; das wird noch alles auf dieselbe Weise benannt, wie es damals geschah. Auch solche Männer haben uns davon gesagt, die in Bremen und Münsterburg geboren sind. Keiner wusste mit Gewissheit vom Andern, doch sagten Alle auf dieselbe Weise davon. Auch entspricht das meist dem, was alte Lieder in deutscher Zunge sagen, welche weise Männer gedichtet haben über die großen Begebenheiten, die sich in diesem Lande zutrugen.«

Über dieses wohl bekannteste abendländische Heldenepos berichtet seit mehr als einem Jahrtausend eine nicht geringe Zahl von Kodizes. Heerscharen von anerkannten und selbsternannten Nibelungenexperten haben sich fast ebenso lange um den Kern der Wahrheit jener Erzählungen bemüht. Sie mussten jedoch bald feststellen, dass sie mit einer nicht einfachen Entwirrung von „Dichtung über Dichtung“ zu tun hatten.

Gleichwohl scheinen zwei Forscher mit ihren herausragenden Forschungsresultaten zur Entflechtung der Sage beigetragen zu haben:
Der Münchener Studienprofessor Aloys Schröfl hat zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts mit seinen Veröffentlichungen Und dennoch – die Nibelungenfrage gelöst sowie Der Urdichter des Liedes von der Nibelunge Nôt und die Lösung der Nibelungenfrage (1927) einem überwiegend akademischen Fachpublikum dargelegt, dass Teil I der klassischen Fassung [Sigfrids Leben und Tod] und Teil II [„Der Nibelunge(n) Nôt“, also Grimhilds Rache und Untergang der Nibelungen im „Hunnenland“] vom Urwerk her nicht ohne Weiteres zueinander passen können: Vielmehr basiert nach Schröfls längerer Anreihung von Indizienmomenten aus dem Nibelungenlied, seiner sogenannten „Klage“, sowie aus konnotativem Umfeld ottonischer Kultur und Geschichtsschreibung insbesondere der zweite Teil des Liedes auf ein vom Passauer Bischof Piligrim von Aribon initiiertes Dichtwerk für den ungarischen Hof. Es sollte – sozusagen als blattstarker politischer Flyer nach gegenwärtigem Verständnis – im Gesamtwerk einzig dazu dienen, die Christianisierung und damit seinen Machtzuwachs auf jenes südosteuropäische Gebiet auszudehnen!

Der erste Teil des Nibelungenliedes, das nach Aloys Schröfls Lokalisierungen zwischen seiner distinktiv früheren oberdeutschen Vorlage – so einer verschollen postulierten lateinischen „Nibelungias“ – zeitgeistlich rezeptive Wandlungen zu den ältesten verfügbaren anonymen Handschriften erfahren haben muss (somit basierend auf charakteristischer Stoffaneignung, -assimilation und -assemblierung hochmittelalterlicher Versform-Epik), ist bzw. war aber grundsätzlich nicht das Hauptforschungsgebiet des süddeutschen Philologen. Vielmehr bezieht sich Schröfl zur Ergründung von Urheberschaft und Motivation am supponierbaren Archetypus des Heldenliedes auf die in seiner Klage zwar explizit genannten, von der hierzu apodiktisch auftretenden Lehrauffassung aber weitestgehend supprimierten wie auch von ihr selbst in komplexeren Einzelbezügen nicht überzeugend negierten Erstautoren „Bischof Pilgrin von Pazzowe“ und seinem „Meister (-Schreiber) Kuonrat“.

Der 1994 verstorbene Germanist und Naturwissenschaftler Heinz Ritter aus Schaumburg an der Weser (siehe kurzes Autorenprofil) scheint nach dem Urteil nicht weniger Medienrezensenten offenbar in den Sagenkern gedrungen zu sein. Nach jahrzehntelangem Studium und sorgfältigen Analysen von unterschiedlichem Urschriftmaterial gelangte er zu verschiedenen nordischen Schriftfassungen der Dietrichsage bzw. Þiðreks saga, die jedoch nicht von Theoderich d. Großen von Ravenna handeln, so Ritter-Schaumburg, sondern biografische Schilderungen über jenen gleichnamigen rheinfränkischen König aus der Völkerwanderungszeit abliefern sollen. Zu diesen Kodizes zählen zum einen die in der Königlichen Bibliothek zu Stockholm aufbewahrte, üblicherweise mit zwei isländischen Handschriftfassungen (A, B) vervollständigte Membrane [Stock. perg. fol. 4] und zum anderen die Svava, so Ritter-Schaumburgs prägnanter Logismus durch begriffliche Übernahme dieser quelltextlich am häufigsten zitierten niedersächsischen Region mit einer Verschmelzung von svensk für schwedisch. Wie er ausdrücklich betont, berichtet eben diese altschwedische Überlieferung oder Didrikskrönika – wie auch die etwas umwundener erzählende und nach ihren greifbaren mittelalterlichen Handschriftfassungen ältere Membrane – in ihren noch erhaltenen Abschriften auffallend sachlicher und weniger ausschmückend im Vergleich zu allen anderen Überlieferungen aus dem (Hoch-)Mittelalter. Ihre verschollene Urfassung soll, wie Ritter-Schaumburg auch in seinem 1992 erschienenen Buch Sigfrid ohne Tarnkappe betont, nach unzweifelhaft erkennbaren kulturellen Verankerungen in den erzählungsnativen Überlieferungshorizonten bereits vor oder in der Zeit Karl d. Großen – der in seinen Großvorhaben auch Bibliografien von Liedern und Sagen anlegen ließ – vorgelegen haben.

Die sogenannten historischen Nibelungen werden von der kritischen Literaturforschung diesen Überlieferungen zugeordnet.

Die vorzitierte Buchveröffentlichung (welche jedoch nicht Grimhilds Rache und den Nibelungenuntergang behandelt) bezieht sich auch auf topografische Zuordnungen der Ereignisse über Sigfrids Leben und Sterben.

Über die Bewertung der nordischen Quelltexte
Ritter-Schaumburgs Stoffbehandlung der Thidrekssaga beruht im Grundsatz auf der Selbstbeantwortung der Kardinalfrage, ob eine Historia oder chronikalisch unterstellte Überlieferung im Mischlicht mythologischer Erzählungen seziert werden darf (siehe auch Zitatbeitrag Ritter-Schaumburg über seinen Thidrekssaga-Forschungsgrundsatz mit seiner Position zur Hauptkritik). Wie er insbesondere in seinen Lesungen betont hat, mögen kontextuell eher nicht signifikante oder eingrenzbare zeitstilistische Einlässe einer mehrköpfig erwiesenen mittelalterlichen Autorenschaft vor allem der Membrane-Handschriften der frühen wissenschaftlichen Lehrmeinung durchaus leichtfertig nahegelegt haben, die Dietrichsage als ein grundsätzlich wenig authentisches Sammelbecken von überwiegend zusammenhanglosen Einzellegenden zu begreifen.

Dagegen spricht aus Ritter-Schaumburgs längerem, doch von der Lehrauffassung um so mehr bestrittenen konnektivem Indizienkatalog unter anderem auch der faktische Umstand, dass die altschwedischen Verfasser ihre Didrikskrönika im Gegensatz zu ihren mediävalen Membrane-Kollegen eben nicht als „Saga“ betiteln wollten – so auch trotz oder gerade wegen keineswegs zurückhaltend dargestellter politischer Ereignisse im Baltikum. Die ihm folgende kritische Sagen- und Geschichtsforschung setzt überdies die Membrane – also die klassische Thidrekssaga – im nahezu gemeinsamen frühgeschichtlich-antiquarischen Fahrwasser mit der hauptrichtungsweisenden Dietrich-Chronik voraus und geht insbesondere von dieser Überlieferung als literarisch durchaus selektierfähiges und größtenteils kohärent angelegtes chronistisches Schriftwerk von somit prüfenswertem realhistorischen Stellenwert aus (siehe auch Verfasserbeitrag Dietrich von Bern – Chronik oder Dichtung?).

Gleichwohl wurde in Bonn im November 1992 „am Beispiel der Þiðreks saga und verwandter Literatur“ ein unverkennbar an Heinrich Becks Standpunkt angelehntes und diese Überlieferung in altgermanistisch bekannter wie von Ritter-Schaumburg jedoch weitestgehend ausgeschlossener Vorgehensweise u. a. wiederum in das Licht nordischer Mythologie und Heldendichtung zerrendes Arbeitssymposium über „Hanseatische Literaturbeziehungen“ initiiert. Der englischsprachige Rezensent des hierüber von der Literaturwissenschaftlerin Susanne Kramarz-Bein abgelieferten Materials an Walter de Gruyter's Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (14, 1996) vermerkt in seiner Einleitung auch diesen willkommenen Beweggrund für eine solche Exkursion in das altnordische Schrifttum: ...Þiðreks saga, which had not received much scholarly attention for several decades, came back into fashion about ten years ago ...

Der Rezensent über Beck: Heinrich Beck's "Þiðreks saga als Gegenwartsdichtung?" ... points out that Þiðreks saga ... synchronizes events from legendary prehistory with near contemporary events in the twelfth century (campaigns against the Slavs on the eastern frontier of Germany). Time in Þiðreks saga is thus a variable quantity ...

In noch deutlicherer Form will Heinrich Beck – die Botschaft der Thidrekssaga gegenüber dem Eindruck ihres „naiven Lesers“ ausdrücklich von subtilerer Art klassifizierend (!) – die fundamentale Position der Germanistik zur vermeintlichen Unantastbarkeit der Überlieferungsform „Sage“ unmittelbar gegenüber Ritter-Schaumburg noch mit diesem Standpunkt verfestigen: Die germanistische Sagenforschung hat längst erkannt (...), daß Sagentradition keine antiquarische Vermittlung ist, sondern jeweils einer aktuellen Aneignung entspringt. (Quelle: Zur Thidrekssaga-Diskussion in: Zeitschrift für deutsche Philologie, 112, 1993; S. 441-448.)

Die 1989 von Ritter-Schaumburg vorgelegte Erstübersetzung der altschwedischen Didriks- Chronik oder der Svava ist literaturwissenschaftlich unumstritten. Für kritisch-differenzierend vorgehende Literatur- und Geschichtswissenschaftler lieferte er damit zugleich eine chronistisch-historiografisch orientierte Strukturanalyse zwischen den Handschriften der
entkräftigt Ritter-Schaumburg an nicht wenigen Beispielen die Lehrmeinung der Skandinavistik über die Abhängigkeit der Svava von der Membrane. In seinem posthum erschienenen Werk Der Schmied Weland (1999 herausgegeben von seinem Sohn Prof. Dr. Hans Martin Ritter im Olms Verlag) analysiert und verdeutlicht er wiederum beispielhaft ergänzend die literarisch nicht unsignifikant verschiedene Stilistik beider Überlieferungen, indem er die zur Subjektivität wie somit wohl auch zur Mythologisierung neigende Veranlagung der altnordisch-isländischen Handschriften in synoptischer Gegenüberstellung mit den altschwedischen Quelltexten deutlich aufzeigt

Im Umfeld der von Ritter-Schaumburg vorgenommenen Historizitätsbetrachtung der Thidrekssaga, unter Berücksichtigung realitätsorientierter zeit- und raumrelevanter Rahmenbedingungen, wurde einer (überwiegend terminologisch verstandenen) Folgerichtigkeit der an ihren „Redaktionen“ bzw. Handschriftfassungen neu entschlüsselten geografischen und ethnischen Zusammenhänge bislang ebenfalls kaum stichhaltig widersprochen (s. auch Verfasserkommentar). Bereits im Jahr 1959 hatte William J. Pfaff sein Buch über das gleiche Thema vorgestellt: The geographical and ethnic names in the Didriks Saga – A study in Germanic heroic Legend. Allerdings gelang diesem Autor nicht die Aufklärung so wichtiger Ortsbegriffe wie Bern oder Drachenfels.

Der wirkliche geografische Operationsraum dieser Überlieferung erstreckt sich dagegen, so Ritter-Schaumburg, vielmehr diagonal von Südschweden und Jütland bis zur Mosel sowie von Belgien bis zum Baltikum mit Teilen von Russland! Die Nibelungen Herkunft
Die Svava und die Nibelungen, wie der deutsche Buchautor in seinem 1981 herausgegebenen Buch Die Nibelungen zogen nordwärts darlegt und schlussfolgert, haben wesentlich andere Handlungsrahmen und Ortsbezüge als die traditionelle Nibelungenüberlieferung nach dem Nibelungenlied. Herkunftsort und Namensgebung der Nibelungen sollen sich nach den Erkenntnissen des Bestsellerautors auf die Voreifel beziehen: Die dieses Gebiet in nordöstliche Richtung durchkreuzende Neffel, unterstellte Namenspatin der Niflungen, entspringt in der Nähe von Zülpich.

Zülpich: Weihertor. Ritter-Schaumburg und die ihm folgenden kritischen Sagenforscher lokalisieren den Nibelungensitz Vernica an der alten Königs- und Heeresstraßenabkürzung Köln – Trier.

Bildquelle: Rolf Badenhausen  



Die niblungische Ursprungsregion bringt der Philologe Henri Grégoire mit dem belgischen Ort Nivelle (Burg und Stadt) in Verbindung, denn in dortigen Chroniken taucht z.B. Nivellung aus der Beinamengebung an die Pippiniden auf; so wie man auch auf jenen Nibelunc in der Namensgebung für einen Pippiniden des 8. Jahrhunderts trifft, den Karl der Große nicht ohne Stolz seinen Oheim genannt haben soll. Trotz eigener offensichtlich zu gewagter Thesen (Burgunderverortung) bestätigt Grégoire grundsätzlich die historiografischen Entdeckungen über den Nibelungenursprung von Emil Rückert aus dem Jahr 1836. (Titel seiner Veröffentlichung: Oberon von Mons und die Pipine von Nivella – Untersuchungen über den Ursprung der Nibelungensage.)

Dagegen hat Ritter-Schaumburg den Nibelungensitz von König Gunters Familie ca. 120 km weiter östlich verortet, und zwar bei der Stadt Zülpich. In ihrem Umland gibt es eine hervorstechende Zahl von Orten, deren Namen anhand der Originaltextaussagen jener nordischen Überlieferungen nachdenklich stimmen sollten. So beispielsweise Juntersdorf, das frühere Guntirsdorp. Der Vater von Gunters Halbbruder Hagen wird urschriftlich als Elff oder Albe bezeichnet – hierbei drängt sich das nur wenige Kilometer entfernte Elvenich auf, das früher als Albinacum und Albihenae bezeugt wurde. Der Autor H. van der Broeck rechnet in seiner Veröffentlichung 2000 Jahre Zülpich (Kölnische Verlagsdruckerei 1968) diesen Ort einer keltischen Kultstätte zu, zumal die für diese Region typischen (n)ich- Endungen auf römisch-keltischen Spracheinfluss hinweisen. Und schließlich findet man hier auch die Orte Virnich (jetzt zu Schwerfen) und Virmenich, jetzt Firmenich, die an Quelltextbezeichnungen wie Vernica, Verniza, Verminza für den Nibelungensitz erinnern, wobei die spätere Wandlung der Konsonanten z oder c nach ch hinsichtlich strenger orthografischer Maßstäbe laut Ritter-Schaumburgs Recherchen hier auch für andere Ortsnamen nachgewiesen werden kann.

Überdies zitiert er hierzu das evident zusammenhängend erscheinende Indiz für den Zülpicher Raum als Herkunftsregion der historischen Nibelungen, nämlich die quelltextliche Anmerkung, dass gerade (noch) hellster Vollmond ist, als das Volk den Rheinübergang auf seinem schicksalhaften Zug nach Grimhild und dem Sachsen- bzw. Hunalandkönig Attala erreicht hat: Weil nach den Erkenntnissen unserer Geschichtsforschung in der Spätantike wie auch noch im Mittelalter der Beginn wichtiger Unternehmungen üblicherweise auf Vollmond gelegt wurde, konnten die von der kritischen Sagenforschung spezifizierten Nibelungen mit blanken Brünnen unter ihren Röcken augenscheinlich nicht mehr als eine solche Distanz bis zum Rheinfährenort zurückgelegt haben!

Die nach Ritter-Schaumburgs Zeit- und Ortsstellung zu den fränkischen Völkern zählenden Nibelungen treten um die Wende des ersten halben Jahrtausendes auf, wo beispielsweise Gregor von Tours „Sigibert den Alten“ als Ripuarierkönig zu Köln erwähnt und wie dieser schließlich vom merowingischen Frankenkönig Chlodwig beseitigt wird.
Zur Erforschung der Frühgeschichte der Pippiniden wären auch nach Reinhard Schmoeckels Veröffentlichung Deutsche Sagenhelden und die historische Wirklichkeit auch stemmalogische Indizien aus der Dietrich-Chronik zu berücksichtigen:

1. Die später auftretenden Pippiniden verfügen in der Tat über bemerkenswerte Besitztümer im Zülpicher Raum: Beispielsweise wurde eine ehemalige Kirche zu Juntersdorf (Guntirsdorp) einer Gertrud von Nivelles als Patronin der Pippiniden gewidmet.

2. Hagens Sohn Aldrian, nach der Svava und Membrane der einzige bekannte lang lebende Nachfahre der bei König Attala untergegangenen Nibelungen, wird als Nachfolger von deren Reich erwähnt. Der vorgenannte Buchautor stellt hierzu fest, dass Aldrian als Vorfahre der Pippiniden somit ernsthaft in Erwägung zu ziehen ist.

3. Der Verlauf der Westgrenze des Nibelungenreiches wird nicht überliefert. Nichtsdestoweniger wäre Sigfrid, Aldrians erschlagener Onkel, als Erbe von mütterlicherseitigem Familienbesitz auf linksrheinischem Gebiet zu berücksichtigen.

Ausblick von der Neffel in Juntersdorf.   Virnich.  
Burg Irnich bei Virnich.   Burg Virmenich.  



Die Svava und Membrane zitieren den Aufbruch der Nibelungen zu ihrem letzten Ausmarsch so:

... So ritten sie zum Rhein, dort wo Duna und Rhein zusammen kommen ... (Sv 307)

(Die Membrane: ... Die Niflungen fuhren nun all ihre Straße, bis dass sie an den Rhein kamen, da wo die Duna und der Rhein zusammen kommen.).

Unter Duna soll nun keineswegs die Donau verstanden werden (die ohnehin nicht in den Rhein fließt) sondern die Dhünn, die bis 1830/1840 als Dune bei Leverkusen in den Rhein mündete und auch als Duone 1117 urkundlich genannt wird. Ihr heute nur wenig weiter stromabwärts zu findender Mündungsbereich wurde vom Buchautor Ritter-Schaumburg als seinerzeit strategisch wichtiger Übergangspunkt belegt. Reinhard Schmoeckel hat in seiner oben zitierten Veröffentlichung Ritter-Schaumburgs Erkenntnisse einer nicht unausführlichen Historizitätsbetrachtung unterzogen. Sein Fazit: Die Überlieferungen über Dietrich von Bern und die Nibelungen widersprechen nicht nur keineswegs den historischen Fakten, sondern ergänzen sie beim Zuverlässigkeitsgrad scholastisch anerkannter chronistischer Vermittlungen zu einem vormals nicht bewussten frühmittelalterlichen Geschichtsbild von Mitteleuropa und Skandinavien!

Die zu revidierende altgeschichtliche Betrachtung der Nibelungen teilen im Großen und Ganzen auch der Schriftsteller und Dokumentarfilmer Walter Böckmann mit Der Nibelungen Tod in Soest – Neue Erkenntnisse zur historischen Wahrheit sowie der Historiker Ernst F. Jung mit seiner analytischen Nachbetrachtung von Ritter-Schaumburgs Thesen und Beisteuerung weiterer interessanter Forschungsimpulse – so auch über die topologische Neuerkundung der Edda-/Gudrunlieder (!) – in der Publikation Der Nibelungen Zug durchs Bergische Land. Bereits 1961 fand die Literaturwissenschaftlerin Roswitha Wisniewski ernst zu nehmende Anhaltspunkte, dass in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine zeitlich wesentlich früher anzusetzende Historia über König Dietrich von Bern vom Kloster Wedinghausen bei Arnsberg (Nordrhein-Westfalen) nach Skandinavien gebracht, dort übersetzt und in die Thidrekssaga eingebracht wurde, wie die Autorin in ihrer Habilitationsschrift Die Darstellung des Niflungenuntergangs in der Thidrekssaga dies näher ausführt.

Soest von Merian.

Die Svava über Sigfrid und die Nibelungen Unter der geografischen „Svava“ ist, wie aus zeitgenössischen Chroniken und kartografischen Überlieferungen hervorgeht, das den nordöstlichen Harz mit einschließende Gebiet zu verstehen. Für die folgende quelltextliche Zusammenfassung muss das Lesen im Hinblick auf die eingesetzten Fußnoten nicht unbedingt unterbrochen werden. Diese werden im Abschnitt Fragen und Erkenntnisse nach der Auslegung der kritischen neuen Sagenforschung ausgeführt.Sigfrids Vater Sigmund ist König von Tarlungai, einem Gebiet, in dessen ungefährer Mitte sich heute Wolfsburg befindet.

Sigmund heiratet Sissibe, Tochter von König Nidung vom Haspengau, dem heutigen Hesbaye zwischen Namur und Maastricht. Der Tarlunga-Herrscher erhält als Mitgift das halbe Reich von Nidung. Sissibe wird nur kurze Zeit später Opfer einer Machtintrige der Grafen Hartwin und Herwin, die der in den Krieg ziehende Sigmund als seine Stellvertreter ernannt hat. Hartwin will sich Tarlunga mit Sissibe einverleiben, die sich jedoch beharrlich weigert. Die Grafen täuschen ihrem zurückkehrenden König die Untreue seiner Gemahlin vor und setzen, nachdem er in tiefer Betroffenheit seine Zustimmung gab, Sissibe an einem Fluss im Harzwald aus, wo sie Sigmunds Sohn zu Welt bringt. Hartwin will dort Sissibe durch Herausschneiden ihrer Zunge für immer zum Schweigen bringen. Herwin kann dies zwar durch die Enthauptung seines Komplizen vereiteln, doch während ihres Kampfes wurde das in einem Glasgefäß gebettete Kind von Hartwins Fuß in den Fluss gestoßen und fortgespült. Sissibe, durch die Vorereignisse bereits mental und körperlich geschwächt, erleidet hierdurch einen Schock und stirbt.
Die Erzählung fährt fort, dass das Kind von einer Hirschkuh gefunden und über ein Jahr gesäugt worden sei, wodurch es die Größe und Stärke eines vierjährigen Kindes gewonnen haben soll.

Der kinderlose Schmied Mime2 findet das Kind beim Köhlern im Wald, zieht es auf und lässt ihm den Namen Sigfrid (Sigord) geben.

Das aufbrausende Wesen des jungen Sigfrid mag wohl auf Frustration durch den „goldenen Käfig“ herrühren, den sein Adoptivvater für ihn geschaffen hat: so reagiert sich sein Zögling in der Schmiede durch Zusammenschlagen von Mimes Vorarbeiter Ekki ab. Der enttäuschte Schmied muss aber auch kennen, dass aus seinem auffallend kräftigen Ziehsohn wohl niemals ein guter Schmied werden wird. Außerdem scheint Mimes beste Kundin, seine königliche wie jungfräuliche Nachbarin Brünhild (urschriftlich Brynilla), Sigfrids Aufmerksamkeit zu erregen. Mime muss letztlich einsehen, dass er Sigfrid nicht länger halten kann, will ihn aber lieber tot als verloren sehen. Der verschlagene Schmied schickt ihn deswegen zum Köhlern in die Gegend von Regen3, der sowohl sein Bruder als auch ein Menschen tötender Lindwurm sein soll.

Sigfrid trifft Regen im Wald und tötet ihn. Er gibt (damit) an, dass ihm Regens blutiger Drachensud4 nicht nur eine unverwundbare Hornhaut machen, sondern auch seinen Sinn für das Verstehen der Vogelsprache schärfen konnte.

Sigfrid bringt das sonderbare Haupt von Regen zu Mime und befiehlt ihm, es abzunagen. Mime fürchtet sehr um die Rache Sigfrids. Er schenkt ihm deswegen seine für einen König geschmiedete prächtige Rüstung, sein bestes Schwert Gram, und verspricht ihm noch den Hengst Grane aus dem Gestüt der Königin und Jungfrau Brünhild.

Sigfrid lässt sich von Mime die Rüstung anlegen und das Schwert überreichen, mit dem er gleich darauf seinen Pflegevater erschlägt.

Danach dringt er in Brünhilds Schloss ein, um sich den Hengst zu holen5. Nachdem er sieben ihrer Torwächter tötete und sich sodann mit ihren Rittern und Knappen herum rauft, gebietet die vom Eindringling dennoch beeindruckte Schlossherrin Einhalt. Sie lässt nach dem Hengst schicken und erklärt Sigfrid seine wahre Herkunft.

Sigfrid zieht mit Grane nach Bertanga (Bardengau), dem heutigen westlichen Elbegebiet zwischen Hamburg und Wittingen, um dort König Isung zu dienen. Dieser erlaubt Sigfrid, sein eigenes Schildbanner zu tragen, das einen Drachen (halb in rot und halb in braun) auf rotem Grund führt.

Dietrich, König von Bern6, hört von Sigfrids Kampfkraft und Heldentaten und ist fest entschlossen, sich mit ihm zu messen. Zu „Didriks“ zwölf Gefolgsmännern nach Bertanga zählen auch Gunter, König der Nyfflinge/Niflungen und sein Bruder Gernholt, beide leibliche Söhne von König Aldrian, sowie ihr Halbbruder Hagen7. König Dietrich folgt auch Heim der Großmütige bzw. der Grimmige. Das blaue Schild dieses Verwandten von Brünhild zeigt einen Hengst. Unter Dietrichs Kämpfern befinden sich auch Hornboge-Jarl und sein Sohn Amlung. Mit ihnen wähnt sich Sigfrid in verwandtschaftlichem Verhältnis. Wideke, Sohn von Weiland bzw. Weland, besitzt das legendäre (weil seinerzeit härteste) Schwert Mimung. Sigfrids ungestümes Temperament hatte den nach der Dietrichsage ebenfalls bei Mime lernenden Weland, Schmied des Mimung, in die Flucht getrieben.

Dietrich kampiert in Sichtweite vor Isungs Schloss8. Als schlichter Reiter verkleidet kundschaftet Sigfrid die Ankömmlinge aus und fordert für seinen König eine angemessene Schatzung. Er erhält nach Auslosung durch Würfeln Ross und Schild von Amlung. Dieser reitet jedoch kurze Zeit später mit Widekes Schimmel dem kecken heimischen Kundschafter nach, um sich sein Pferd um jeden Preis zurück zu holen.

Amlung wird aber von Sigfrid besiegt als sich beide im Wald begegnen. Weil Sigfrid Amlungs Vater als guten Verwandten in Erinnerung hat, gibt er sich zu erkennen und das Pferd zurück. Auch Wideke hatte Sigfrid erkannt. Beide verraten ihn aber nicht an den rheinfränkischen König.

König Isung stimmt einem Turnierkampf mit seinen elf Söhnen und Sigfrid zu. An den beiden ersten Wettkampftagen kann König Dietrich mit seinem Schwert Ekkisax seinen Gegner Sigfrid nicht besiegen. Deswegen verlangt er von Wideke den Mimung. Dem Gebrauch dieses Schwertes schwört der König vor Sigfrid zu Beginn des darauffolgenden Tages zwar ab, benutzt es aber dennoch.

Nachdem er Sigfrid fünf Wunden mit Mimung beigebracht hat, erkennt der Angeschlagene die arglistige Täuschung und gibt auf. Des Eidbruchs von Dietrich zum Trotz tritt Sigfrid auf freien Wunsch dennoch in den Dienst des rheinfränkischen Herrschers.

Sigfrid heiratet auf Fürsprache von König Dietrich Grimhild (urschriftlich Crimilla) und erhält, wie von ihm versprochen, das halbe Niflungenreich9.

Der Jungvermählte bietet sich als Brautwerber für eine Verbindung zwischen König Gunter und Brünhild an. Diese Vermittlung ist insoweit eine delikate Angelegenheit, als Sigfrid bereits vor seiner Heirat Brünhild die Treue schwur und sie ihn nun wissen lässt, was sein Bruch des Liebesschwurs für sie bedeutet!

Die königliche Heirat von Gunter und Jungfrau Brünhild kommt zustande. Allerdings verweigert sie sich in allen Nächten stets erfolgreich. Sigfrid vertraut hierüber seinem Rat und Hilfe suchenden Schwager an, dass Brünhilds körperliche Überlegenheit sicher nach ihrer ersten Berührung gebrochen wäre.

Wie auch das Nibelungenlied nacherzählt, überlässt hierzu Gunter in enger familiärer Verbundenheit mit seinem Schwager eben diesem das Weitere. Allerdings wird Brünhild sich Sigfrid keineswegs verweigern!

Später entdeckt Grimhild Sigfrids Trophäe von dieser Liebesnacht: Brünhilds Ring. Der hierdurch hervorgerufene Streit und abgrundtiefe Hass zwischen beiden Frauen findet in Sigfrids Erschlagung durch Hagens Speer jenes vorläufige tragische Ende, an dem Grimhild noch ihre verheerende Rache anknüpfen wird.

Sie heiratet den aus Friesland stammenden Sachsenkönig Attala, auch Atli bzw. Atilius nach der Svava, und lockt nach sieben Jahren ihre Brüder zur Burgresidenz ihres Gemahls. Diese ist das westfälische Soest, das damalige Zentrum des Hünenlands, Hunalands bzw. Hymaland nach dem Quelltext.

Bis auf Hagen, der Grimhilds heimtückische List erahnt, sind alle Niflungen über die Einladung ihrer Schwester aus dem angeblich führungsschwachen Land von König Attala hocherfreut und ziehen wohlbewaffnet mit 1000 Mann aus. Sie gelangen bei ihrem Ritt an eine Stelle, wo Duna und Rhein zusammen kommen. Dort, an einem nahe gelegenen Rheingewässer, trifft Hagen zwei Wahrsagerinnen, Mutter und Tochter. Er erschlägt diese nach einem trivialen Streit über ihre düstere Weissagung über das Schicksal der Nibelungen, wie auch kurz darauf den Fährmann bei der Rheinüberquerung an der Dunamündung. Von dort ziehen die Nibelungen in einem halben Tagesritt zunächst nach Burg Bakalar von Markgraf Rodinger (im Bergisch Gladbacher Raum) und dann weiter der Duna folgend an Burg Thorta (Dortmund) vorbei nach Susa bzw. in urschriftlich seltener Schreibweise Susat: das westfälische Soest. Dort – auf und bei König Attalas Burg – werden sie in harten Kämpfen gegen den Gastgeber ihr Ende finden.

Beim Gastmahl gewinnt Grimhild ihren gemeinsamen jungen Sohn Aldrian für eine Mutprobe mit Hagen, an dem er einen kräftigen Kinnschlag probiert. Der gereizte Nibelunge versteht diesen Spaß jedoch überhaupt nicht und enthauptet wutentbrannt sowohl den Jungen als auch seinen Erzieher. Hierauf folgt unmittelbar Attalas Aufruf, alle Niflungen zu erschlagen.

Gunter muss sich bereits am ersten Kampftag den Männern von Herzog Osid, einem Neffen von Attala, ergeben und wird in den Schlangenturm10 geworfen, worin er wenig später stirbt. Grimhild tötet ihren ohnehin letal verwundeten Bruder Gislher (handschriftlich auch Gyntar), indem sie einen brennenden Scheit in seine Kehle stößt. So hat sie zuvor auch mit ihrem Bruder Gernholt verfahren, obwohl dieser von Didriks Gefolgsmann Hildebrand (Hillebrand) längst getötet worden war.

Nachdem etwa 4000 Kämpfer aus dem Hunaland gefallen sind, wird Grimhild auf Attalas Bitten durch Dietrich erschlagen. Ihm hatte sich der bereits wegen schwerer Verwundungen zum Sterben bestimmte Hagen ergeben, der aber unter Dietrichs Fürsorge noch in der Nacht vor seinem Tod einen Sohn mit Ritter Irungs Tochter, seiner Pflegerin, zeugt. Irung war ein ergebener Freund von Grimhild und hatte Hagen seine wohl schlimmste Verwundung beigebracht, bevor er selbst von dem Nibelungen getötet wurde. Hagen übergibt den Schlüssel zu Sigfrids Schatzkammer der zukünftigen Mutter des ebenfalls
Aldrian genannten Kindes.

Noch in jungem Alter, mit etwa zwölf Jahren, lockt Hagens Sohn seinen nicht mehr jungen Ziehvater König Attala zu diesem Hort und schließt ihn darin für immer ein. Dann meldet Aldrian Brünhild seine Rache der Niflungen, wird von ihr großzügig belohnt und wenig später ein guter König.

Der geheim gehaltene Niflungen- bzw. Nibelungenhort11 soll seitdem nie mehr betreten worden sein.

Soweit das Wesentliche der Niflungensaga aus der Svava12.

1 Sigfrid
Auf älteren Karten vom Nordharz findet man noch die Wüstung Siewershausen (siehe X- Markierung auf der oben angegebenen Karte), die laut alten Archivkarten ursprünglich Sigefrideshuson hieß – der Geburts-, Fund- oder Gedenkort von Sigfrid? Mit Sicherheit hätte sich Kunde vom Hof König Sigmunds über den vermissten Königssohn rasch verbreiten müssen. Wählte daher Sigfrids abgefeimter Pflegevater, der Schmied Mime, zum Gedenken an den wahren Vater einen ähnlich klingenden Namen für sein Findelkind?

Wüstung Siewershausen mit Blick nach SO.  Minsleben – „Mynnersleben“ an der Holtemme,
mit Blick nach S. auf das „Nordgebirge“.  



Sigfrids Körpergröße
Mime hat gerade eine königliche Rüstung fertig geschmiedet, legt diese Sigfrid an – und sie passt! Immerhin steht ihm diese so gut, dass er sie für seinen Marsch zu Brunhilds Burg gleich anbehält, wo er – im unterstellten Knabenalter – wohl kaum sieben Torwächter erschlagen und sich noch mit Rittern und Knappen der Königin anlegen konnte!
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sowohl der königliche Auftraggeber als auch Sigfrid nun ausgerechnet die gleiche Größe eines ausgesprochenen Riesen besitzen?
Die enorm beeindruckende Größenbeschreibung von Sigfrid, die Meister Brand in der offenbar feuchtfröhlichen Runde von König Didriks Mannen abgibt, „Gastmahl“ (Sv 177, 178), dürfte wohl eher jugendlicher Protzerei von sich weit überschätzenden Prahlhänsen entspringen: Tatsächlich fahren diese Kampfgesellen wenig später nach einem Kräftemessen bei König Isung mit einem blamablen Mann-Gegen-Mann-Ergebnis nach Hause: Von zwölf Kämpfen konnten sie nur drei Siege für sich entscheiden, die übrigens weder von Hagen noch von Gunter mit errungen wurden – Didriks Kampf gegen Sigfrid wegen arglistiger Täuschung durch Eidbruch nicht mit gerechnet!

2 Mime
Mime war sicherlich nicht irgendein Schmied, der es nötig hatte, gewöhnliche Arbeiten für die Dorfbevölkerung oder seinen Lehnsherrn zu verrichten. Vielmehr ersuchten Könige aus fernen Ländern ihn um Sonderanfertigungen allerfeinster Blechkleider – den Genius des Hartmetalls, Meister aller Haute Couturiers der männlichen Spätantike und Völkerwanderungszeit! Dabei hatte es Mime nicht einmal nötig, selbst Hand an seine superben Kreationen zu legen. Mimung, das seinerzeit einzigartige Stahlschwert, wurde übrigens später von seinem ehemaligen Gesellen Weland geschmiedet!

Der kinderlose Mime schirmt seinen Adoptivsohn offenbar gut ab, auch lässt er ihn zunächst nicht unter seinen Schmieden mitarbeiten. Nichtsdestoweniger scheint der jugendliche Sigfrid Mimes hinterfragwürdige Zuneigung wohl mit frustriertem Herumlungern danken, und er steckt dabei gelegentlich seine Nase in die Schmiedewerkstatt seines Pflegevaters, um dort seine Gesellen mächtig zu enervieren und zu verprügeln. Erst als der stark Pubertierende kaum mehr zu bändigen ist, will ihm Mime das Arbeiten in seiner Schmiede lehren!

Nach frühen urkundlichen Bezeugungen ist der nur wenige Kilometer von Siewershausen entfernte Ort Minsleben nicht nur eine der ältesten Siedlungen dieser Region, sondern auch eng mit frühzeitlicher Schmiedetätigkeit verbunden. Buchautor Ritter-Schaumburg war Zeuge von Ausgrabungen und Analysen von früh datierbaren Eisenschlackeresten aus diesem Ort. Zu dessen Namensgebung sind sowohl die später hinzugefügten thüringischen Endungen -leva, -leven anzumerken als auch der urschriftliche Name von Mime, Mymmer oder Mynner.

3 Regen, das Ungeheuer
Nur etwa elf Kilometer südöstlich von Minsleben erhebt sich der Regenstein als kleines Waldgebirge am nördlichen Fuß vom Harz, dessen Sandsteinfelsen sich steil in die Höhe erheben.

Das bewaldete Feuerland umschließt den Regenstein.

Besonders beeindruckend sind die an seinem Fuß befindlichen Höhlen im sogenannten Feuerland, bei denen man auch alte Kultstätten (Thing-Rituale) vermutet.



Nur wenige Kilometer von diesem Nordharzer Sandsteingebirge entfernt befindet sich das überwiegend von Teichgewässern geprägte sumpfige Goldbachtal. Parzellen in diesem Gebiet werden in alten Flurkarten als Drachenkopf und Drachenloch bezeichnet. Noch heute werden diese Bezeichnungen von Forstaufsehern für das nunmehr in privater Hand befindliche Areal verwendet.

Ansichten vom ca.1/2 km langen Drachenloch  Der Verfasser dankt den Grundeigentümern für
Aufnahmeerlaubnis und Bildfreigabe. 



War Regen ein später solitärer Protozoon oder eher der Graf von Regenstein?
Für die erstgenannte Möglichkeit war und ist für das in Frage kommende Gebiet ein idealer Lebensraum vorhanden. Zwar sprechen die nordischen Überlieferungen von einem Regen als Bruder von Mime, doch könnte es sich hierbei ebenso gut nur um eine geistige Bruderschaft handeln: Mime besaß sicher, wie Sigfrid zu spüren bekam, jene Verschlagenheit und Hinterlist eines Reptils.

Nun hätte aber auch jener weiter unten zitierte residenzlose Emporkömmling Hartebold, der als erster und wohl (noch) nicht vermögender „Graf von Regenstein“ das Areal um den großen Bergfels seit kurzer Zeit in seinem Besitz hatte, sich zum einfachen wie besonderen Schutz desselben dem wahrlich Furcht einflößenden Umfeld rings um seine Burg bedienen und – zu seiner wichtigsten Vervollständigung – für alle ungebetenen Gäste „einen Drachen bauen können“. Für eine solche sicher auch zum Ausrauben geeignete Maskerade sprechen vielmehr einige indirekte Anspielungen (vgl. wörtliche Zitate Sv 158), denn in den Urschriften ist auch vom Goldschatz die Rede (Sv 304), den der kecke Sigfrid dem „Drachen“ abgenommen haben soll. Die Völsungasaga hat den wahren Sachverhalt über dieses nur scheinbar mythische Wesen übrigens klar erkannt und zitiert mit ihrem Kapitel 18 diese vom ihm stammende Aussage:

»Hattest du nicht gehört, wie alles Volk sich fürchtete vor mir und meinem Schreckenshelm?«

Ein als Drache verkleideter Räuber, wie manche Autoren vermuten, hätte wohl kaum seinen Schlupfwinkel am Fuß oder irgendwo in der Nähe einer feudalherrschaftlichen Burg gesucht; und der mit seiner HighTec-Schmiede ein enormes Vermögen anhäufende misstrauische Mime hätte seine Schätze wohl kaum weder einem räuberischen Verwandten noch einem Fremden anvertraut, um sie neugierigen Blicken und allen Versuchungsgedanken seines fragwürdigen Personals weit genug zu entziehen. Wohl aber allenfalls seinem Bruder, den man, wie auch Mime, zur damaligen „VIP-Class“ der dortigen Region zählen durfte: Regen – Graf von Regenstein.

Tatsächlich scheint die Völsungasaga näher auf die Motive von Mime (hier heißt er jedoch Regin) und dessen Bruder (Fafnir) einzugehen. So erklärt sich dieser gegenüber Sigfrid, der ihn zuvor tödlich verwundet hat:

»Den Schreckenshelm trug ich zum Schutz gegen alles Volk, seit dem ich auf dem Erbe meines Bruders lag... dass niemand noch mir zu nahen wagte; kein Schwert schreckte mich, und nie fand ich so viele Männer mir gegenüber, dass ich mich nicht weit stärker dünkte, alle aber hatten Angst vor mir... «

(Die Völsungasaga will zum erwähnten „Brudererbe“ jedoch eine divergierende Hintergrundbeziehung vermitteln).

Der Regenstein mit seiner Burgruine am Nordharz, Merian 1654.

Die erste urkundliche Erwähnung von „Regenstein“ soll diese Erzählung begründen:

Im Jahre 479 zog Malvericus (Melverich), der König der Thüringer, mit seinem Heer über den Harz, um die Sachsen zu verdrängen. Beim Ort Vedekenstidde (Veckenstedt/Veckenstädt) wurden die Thüringer jedoch von den Sachsen geschlagen und mussten sich zurückziehen. Nach diesem Streit hielten die Sachsen einen Rat. Sie gaben einem im Kampfe ausgezeichneten Edelmann namens Hartebold aus dem Dorfe Veckenstädt ein Stück des noch wüsten Landes vor dem Harz, damit er sich dort eine Heimatstadt bauen sollte.

Er suchte sich also eine passende Stelle, kam an einen großen, steinernen Berg und rief aus: »Dieser Stein ist gereghent (richtig), darauf soll meine Wohnung sein!«
Er baute eine Burg und nannte sich fortan „Graf von Regenstein“.

(Quelle: Sagen um den Regenstein, zusammengestellt und bearbeitet von Hans Bauernfeind, Helga Sorge, Hermann Wehr. Herausgeber: Schloßmuseum Blankenburg.) Im betreffenden Zeitraum bestand also die Namensformung zu Regen. Somit hätte übrigens auch ein an diesem Kleingebirge lebendes Reptil – ein geeignetes Biotop wurde nachgewiesen und blieb bis in die Gegenwart erhalten – leicht nach dem Kurznamen des Gebietseigentümers benannt werden können! Interessant ist übrigens auch die Definitionsparallelität zu jenem rheinischen Siebengebirge: auch seine Namensgebung beruht auf sieben = regnen/Regen, nordisch: Fafnir.

4 Drachensud

Die Svava relativiert selbst jene schier unglaubliche Unverwundbarkeit von Sigfrids Haut durch Schilderung seiner Verwundungen im Turnierkampf gegen König Dietrich, die ihn – trotz angelegter Rüstung – zur Aufgabe zwingen!

Wie von Historikern überliefert wurde, soll das fränkische Herrschergeschlecht der Merowinger mit einem der sogenannten „Ichthyosis Hystrix“ ähnelnden Symptom erblich vorbelastet gewesen sein. (Die Erscheinungsformen dieser Hauterkrankung reichen bis zu einer Hautschwartenbildung wie bei Hausschweinen.)

Mit seiner Fabel vom Drachentöter, durch Blutsud-Anwendung schließlich zum unverwundbaren Supermann glaubhaft gemacht, hätte Sigfrid also in höchst beeindruckender Weise seinem Erklärungsnotstand über seine auffällig dicke Hornhaut, verschiedentlich als „Ichthyose“ zitiert, ein Ende bereiten können!
Unter dem Eintrag „Drache“ findet man im Großen Duden Lexikon, Ausgabe 1969, folgendes:

... der Sieg über den Drachen bedeutet Sieg über Chaos, Finsternis oder über eine alte Ordnung ...

Der Drache verkörpert also Schlechtes – ohne notwendigerweise leibhaftig auftreten zu müssen!

Der „Lindwurm“ auf dem Drachenfels am Rhein. Diese Skulptur ist übrigens eine detaillierte Nachkonstruktion anhand realer Skelettfragmente, die im Senkenberg Museum Frankfurt und im Berliner Zoo aufbewahrt werden!

5 Brünhilds Burg

Weil sich Sigfrid in schwerer Montur (Rüstung), aber ohne Pferd direkt von Mimes Schmiede zu Brünhilds Burg Seegard begibt, muss sich diese in noch zu Fuß erreichbarer Umgebung befinden. Die Wahl beschränkt sich also auf die Heimburg oder Burg Ilsenstein, letztere auf einem Berg nahe am Brocken mit herrlicher Aussichtslage – das Nibelungenlied nennt übrigens Burg Isenstein als Brünhilds Sitz.

In jenen nordischen Überlieferungen wird diese am Nordgebirge beschrieben, sowie nahe bei einem Brünhild gehörenden Gestüt in einem Wald ganz nah dabei, dessen Pferde wegen ihrer außergewöhnlichen Eigenschaften viel gerühmt wurden.

Königin Brünhild war zu jener Zeit Vollwaise. Ihr Oheim oder vielmehr Schwager war nach der Völsungasaga Heimir der Pferdezüchter („Studder“; vgl. Heim in Sv 14). Die quelltextliche Lage seiner Heimburg, die später unter anderem mit Heinrich IV. und Heinrich dem Löwen geschichtlich verbunden werden sollte, kann durch einen einige Kilometer nördlich von ihr gelegenen großen unterirdischen See bestätigt werden, wie dem Verfasser dieses Beitrags von den Besitzern der sog. Drachenloch Parzelle über dort angestellte geophysikalische Untersuchungen mitgeteilt worden war.

Gleichwohl dürfte nach W. Böckmann – und damit im Gegensatz zu Ritter-Schaumburgs Überzeugung – die wegen ihrer bemerkenswerten Stärke bekannte Königin wohl kaum Grund gehabt haben, I(l)senstein nach dem Tod ihrer Eltern aufzugeben und sich in die Hände ihres auf der tiefer gelegenen Heimburg sitzenden übellaunigen Verwandten zu begeben (Sv 14). Zwar könnte, so die kritische Nachbetrachtung, diese fürstliche Burg zu den damaligen Besitztümern der Königin gehört haben, doch die weitaus repräsentativere Lage, nicht zuletzt über einen ca. 1,8 km langen Burgaufgang, sollte an jenem „Isenstein“ mit seinen noch erhalten gebliebenen Burgfelsen zu finden sein.

Der Konus der Heimburg (Bildmitte) in strategisch wichtiger Lage.  Das Harzgebirge hinter der Heimburg. 
Pferdekapitell Krypta Drübeck.  Die Heimburg von Merian, 1654. 



Die traditionsreiche aber dennoch eigenartige Pferdezucht ... in Hainen und lichten Wäldern, so Tacitus in seiner Germania (Kap. 27) belegt auch das Pferdekapitell der Krypta in der Klosterkirche Drübeck, die in jenem nur etwa 3,5 km vom Ilsenstein gelegenen Nachbarort gegründet worden war. Von diesem ist die Heimburg übrigens viermal weiter entfernt.

6 Didrik: Dietrich von Bern

Nach Ritter-Schaumburg wird Didrik um 470 geboren und im Alter von ca. 20 Jahren als König von „Bern“ ausgerufen. Nach einer massiven Drohung seines Onkels Ermenrik, „Imperator von Rom“ – als Roma secunda war bereits vor dieser Zeit das einstige römische Kräftezentrum Trier an der Mosel überliefert worden –, geht er als Mitzwanziger mit seinen treuen Kampfgefährten ins Exil zu König Attala, den er bei seinen Ostkriegen mit Rat und Tat maßgeblich unterstützt. Der westsächsische Herrscher hilft ihm später bei seinem Gegenzug nach Ermenrik; doch nach der Gränsport-Schlacht an der Moselmündung verzichtet Didrik wegen dort erlittener hoher persönlicher Verluste – hier sterben ein Blutsverwandter und zwei mit ihm gut befreundete Söhne von König Attala – freiwillig auf den Herrschertitel von Trier. Unmittelbar nach der vernichtenden Niederlage der Nibelungen verlässt er endgültig die Burgstadt Soest, zieht zunächst nach „Bern“, formiert hier sein neues Heer und trifft schließlich bei Graach an der Mosel auf die Truppen von Ermenriks Nachfolger Sevekin, den er leicht schlagen kann. Die nordischen Chronisten berichten, dass er unmittelbar danach in „Rom“ einzog. Didrik stirbt um das Jahr 535, so in der Zeitstellung nach Ritter-Schaumburg.

Wie er im Einklang mit der bereits seit Raszmann bekannten Deutung davon ausgeht, soll der König Dietrich beigefügte Ortsname auf der lateinischen Ableitung Verona-Berona-Bern beruhen (Dietrich von Bern – König zu Bonn, 1982). Wie allerdings schon aus hiermit nicht vereinbaren Ereignis- wie ja besonders von Ritter-Schaumburg selbst geforderten frühen Erzählungshorizonten hervorgeht, mag diese auf den Xantener Vorort Birten zurückführbare Namenstransformation – nach einer kirchlichen Passio des 10. Jahrhunderts – wohl kaum den überlieferungsspezifischen Ansprüchen gerecht werden (vgl. dazu die von Josef Niessen aufgezeigte Bonner Namensaneignung aus der Geschichte der Stadt Bonn, I, Dümmler, 1956, und daraus die sachthematische Bewertung z. B. von O. K. Schmich). Wie darüber hinaus jedoch auch mehrfache archäologische Ausgrabungen an einem anderen linksrheinisch bzw. in der Voreifel gelegenen Ort von hoher kultureller wie auch terminologisch-linguistischer Bedeutung für Dietrichs Herkunft gezeigt haben (vgl. a. Veröffentlichungen von Schmich sowie dem Beitragsverfasser über weitere unausgeräumte Bedenken insbesondere zur Ortslage und der Geschichte von Bonn), scheidet die ehemalige Bundeshauptstadt mit ihrem anscheinend vom christlichen Märtyrer Gereon entliehenen Wappenlöwen als mutmaßliche Berner Residenz von König Dietrich mit einem hohen Maß an Wahrscheinlichkeit aus.

7 Hagen
Hagens Vater kann den Garten der sicher bestens bewachten Königsburg für ein Schäferstündchen unbehelligt aufsuchen! Er dürfte also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Hof bekannt sein und dort ein und aus gehen – ein nahestehender und hochrangiger Verwandter der Königin? Wäre dies der (sicher nahe liegende) Fall, dann würde Hagen, der wohl den (vor)väterlichen Herkunftsort als Namenszusatz führt, mit allen seinen urschriftlich abnormal beschriebenen Merkmalen aus einer Inzestverbindung hervorgegangen sein. Überdies mag das selbstsichere und vor allem verheißungsvolle Auftreten von Hagens Vater (Sv 161) den einen oder anderen erschließungsfreudigen Leser noch an einen Druiden erinnern.

8 König Isungs Land
... Sie ritten durch große Wälder und Heiden ...
Die urtextliche Beschreibung des Landes von König Isung trifft mit bemerkenswerter Genauigkeit auf die Lüneburger Heide zu: Das königliche Schloss vermutet Ritter-Schaumburg auf dem Kalkberg in Lüneburg.

Der Kalkberg zu Lüneburg von Merian.

Übrigens sagt Sigfrid zu seinem König (Sv 185) – ohne dass eine entsprechende Vergleichsmöglichkeit eröffnet worden war –, dass auf dem Schild eines Ankömmlings „auch ein Löwe von Gold mit Krone steht.“ König Isung führt also ein identisches Wappen, wie es bis in die Gegenwart von solchen Dynastien verwendet wird, die jenes Gebiet zwischen Braunschweig und Lüneburg beherrschten.

9 Sigfrid und Grimhild (und König Attala)
Über irgendeine gegenseitige Zuneigung für eine Liebesheirat zwischen Sigfrid und Grimhild wird nicht berichtet! Grimhild wird urtextlich oft Crimilla genannt, sonst bekanntlich: Krimhild, Kriemhild, Krimhilde, Kriemhilde ...
Zum Zeitpunkt ihrer Heirat des Hunaland-Königs Attala wird sie Anfang 40 gewesen sein und mit ihm – unter der Voraussetzung verhältnismäßig günstig verlaufender Lebensumstände und einer entsprechenden genetischen Veranlagung – gerade noch einen Sohn gezeugt haben können. Hierzu sollte jedoch auch die Fragestellung berücksichtigt werden, ob sie mit König Attala tatsächlich ihren wohl einzigen leiblichen Thronfolger für die offenbar geplante Provokation zur Niederschlagung der Niflungen-Gäste opfern wollte oder eben diesen wie auch den überliefernden Zeitzeugen vielmehr ein Abkömmling von einer Konkubine Attalas als Grimhilds Sohn Glauben gemacht wurde.

König Attala hat nach Angaben der Edda-Überlieferer deswegen eine geschwätzige Hofmagd bestrafen lassen, weil sie von Grimhilds gemeinsam geteiltem Nachtlager mit dem in Soest weilenden Exil-König Dietrich gewusst haben wollte. (Wo war König Attala zur fraglichen Zeit?)

Dagegen steht für den quelltextlich zitierten Niflungen-Stammbaum zweifelsfrei fest, dass der früh verstorbene Niflungen-Vater Aldrian nicht mehr Grimhilds jüngsten „Bruder“ Gislher gezeugt haben konnte und Königin Oda mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht seine Mutter gewesen war, wie Ritter-Schaumburg dies in seinem Posthum-Werk noch angemerkt hat.

10 Schlangenturm
Die Existenz eines Soester Turmes mit diesem Namen ist historisch belegbar.

11 Sigfrids Nibelungenschatz
Setzte man tatsächlich seine Existenz zur Auslegung der nordischen Quelltexte voraus, dann müssten zu ihrer Entdeckung mindestens die folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:

1. Die Entfernung des Schatzhortes vom Ausgangspunkt, der Soester Burg, müssen zu Pferd ein etwa zwölfjähriger Junge und ein alternder oder leicht altersschwacher König ohne weitere Begleitung und ohne große Mühe bewältigen können!

2. Lage und Zugang der Kammer dürfen im Gelände wegen ihrer guten Tarnung nicht so leicht zu erkennen sein!

3. Die Kammer muss die verschütteten Überreste eines entsprechend lange Verstorbenen enthalten!

4. Die Lage des Verstorbenen darf nicht auf eine Bestattung schließen lassen!

5. Der Verstorbene darf kein jüngerer Mann mehr gewesen sein und muss auf jenen Zeitbereich datiert werden können!

6. Die beim Verstorbenen noch zu findenden persönlichen Gegenstände, eventuell auch Schmuck, müssen in Einklang mit einem auf geheimem wie friedlichem Ausritt befundenen Herrscher des 6. Jahrhunderts zu bringen sein!

7. Die Kammer müsste entleert vorgefunden werden, falls sie in etwa eineinhalbtausend Jahren schon ein- oder mehrfach aufgefunden und betreten worden ist!
Eine solche Höhle wurde bereits im Jahr 1926 zu Kallenhardt bei Warstein wissenschaftlich erschlossen: In der schlauchförmigen Kammer dieses sogenannten Hohlen Steins lag ein unbestatteter Toter in einer ungestörten Schicht; aber so, dass eine Bestattung an dieser Stelle ausgeschlossen war. Sein Alter wurde auf etwa 50 Jahre datiert. Die bei seinem Skelett gefundenen Schmuckstücke (Runenfibel, Armreif, Fingerring, Knöpfe) ließen nach den seinerzeit von Prof. Stieren und Dr. Julius Andree geleiteten Ausgrabungen sowohl auf die vornehme Herkunft des Toten als auch auf die geforderte Epoche schließen. Bei einer erneuten Grabung im Jahr 1933 kamen am Westeingang der Höhle noch die Reste einer Falschmünzerwerkstatt aus dem Dreißigjährigen Krieg zum Vorschein. Der Fingerring des Toten zählt übrigens zum Bestand des Landesmuseums Münster, die restlichen Stücke zu den Museen in Lippstadt und Olpe. Ritter-Schaumburg vermerkt in seinen Ausführungen unter Berufung auf ein Gespräch mit Dr. Andree, Prof. Stieren „habe (zur Kallenhardter Entdeckung) mit Vielem zurückgehalten“.

Wohl deswegen sah einer der bei der Ausgrabung Anwesenden – der heimische Ortshistoriker und spätere Schuldirektor Eberhard Henneböle – genügend Veranlassung, noch gesondert über diesen Fund zu berichten (Die Vor- und Frühgeschichte des Warsteiner Raumes in: Beiträge zur Warsteiner Geschichte, Heft 2, 1963). Für ihn steht zweifelsfrei fest, dass hier der über die Niflungen siegreiche Soester König Attala seinen Tod gefunden hat.

Verfasserkopie vom Höhlengrundriss/Lageplan. Nach Angaben des Ortshistorikers Eberhard Henneböle.   



12 Grabmale
Wenn man der fernen Nachwelt mit seinerzeit zur Verfügung gestandenen Mitteln eine zeitbeständige Botschaft über die in Soest zugetragenen Geschehnisse hätte zukommen lassen wollen, so bestünde hierzu leider die Wahl der äußerst begrenzten Möglichkeiten.
Damals wie auch in anderen Epochen war es jedoch – glücklicherweise – üblich, hervorstechende Persönlichkeitsmerkmale durch entsprechende Grabbeigaben zu unterstreichen.

Wie hätte man in diesem Sinne für die Soester Königsfamilie verfahren können?
Minimalvoraussetzungen:

1. Männliches Königsgrab nicht vorhanden, denn Attala starb nach der Niflungensaga in Sigfrids Schatzkammer.

2. Wegen vorgenannter Bedingung mindestens zwei reich geschmückte Frauengräber in unmittelbarer Nachbarschaft, denn nach dem Tod von Grimhild, soll Attala die Mutter von Hagens Sohn Aldrian geheiratet haben.

3. Neben einem königlichen Frauengrab ein Knabengrab, denn Grimhilds und Attalas Sohn Aldrian starb durch Hagens Hand.

4. Ein Frauengrab sollte ein Schmuckstück mit Schlüsseldarstellung – oder diesen als reinen Gegenstand – enthalten, denn Sigfrids Schlüssel vom Schatzhort ist ein markantes Soester Symbol für König Attalas Tod.

5. Ein Frauengrab sollte einen Schmuckgegenstand enthalten, der die Verbindung mit Hagen zur Zeugung seines Sohnes Aldrian symbolisiert, denn dieser verübte im jugendlichen Alter die tödliche Rache am Soester König.

Erweiterte Voraussetzung:
Nach der Zeitstellung der Didriks-Chronik müsste bei diesen so vorgefundenen Gräbern auf einen Bestattungszeitpunkt zwischen 525 und 530 geschlossen werden können!
Im Frühjahr 1930, gut 1 km südlich vom alten Soester Stadtkern, wurden bei Ausschachtarbeiten Kammergräber gefunden, die ebenfalls unter der Leitung von Prof. August Stieren ausgehoben und untersucht wurden. Diese erstaunlicherweise zu Frankengrabstätten gerechnete Entdeckung erfüllt die vorgenannten Bedingungen:

Zwischen zwei sehr vornehmen Frauengräbern, davon das königliche wegen Münzbeigabe um 528 datierbar, befand sich ein kleines Männergrab, das wegen seiner Beigaben ebenfalls einen hohen Rang des jung Verstorbenen auswies. Bei der jüngsten Goldmünze aus diesen Gräberfunden handelte es sich um eine Prägung aus der Zeit des oströmischen Kaisers Justinian I., der von 527 bis 565 herrschte. Insoweit ist auch die erweiterte Voraussetzung erfüllt.

Oben: Das Medaillon bzw. die „Zierscheibe“ aus dem vornehmen Frauengrab, im Lageplan spezifiziert als Nr. 105, mit Konturenkopie vom Verfasser. (Durchmesser ca. 10 cm.) Hagens Schild zierte ein ungekrönter Adler. Diesem Grab war – für jene Epoche untypisch – ein Schlüssel beigegeben worden. Sowohl Ritter-Schaumburg als auch Walter Böckmann interpretieren Prof. Stierens Stellungnahmen so, dass dieser mit seiner Gesamterkenntnis über diese Entdeckung noch zurückgehalten haben muss.  Unten: Goldene Runenfibel vom Königingrab (Nr. 106) und ihre vom Verfasser konturenkopierte Rückseite (Durchmesser ca. 5 cm). Runenschriftkundige lesen auf dieser eine bestimmte Eingravierung entweder A-T-A-N-O oder A-T-A-L-O. Zwischen dem Zeitpunkt jener Soester Ereignisse und ihrer ersten schriftlichen Aufzeichnung können allerdings Jahrhunderte vergangen sein.  



Fazit und Reaktionen
Im Vergleich zur mittelhochdeutschen Nibelungendichtung lesen sich die nordischen Kodizes über Dietrich von Bern etwa so nüchtern wie ein Polizeibericht. Schon aus literaturhistoriografischen Evidenzen geht hervor, dass innerhalb des redaktiven Zeitkomplexes stilistisch trockenere Stoffvorlagen zur Herstellung weiter ausgeschmückterer und somit auch phantasievollerer Werke gedient haben. Dagegen erscheint die alttraditionell vertretene Auffassung, „der historische Kern des Untergangs der Nibelungen bestünde in der Niederlage des Burgundenkönigs Gundahari im Jahr 435/6 gegen weströmische und anschließend gegen hunnische Truppen“ als erheblich inhomogenere und vielmehr auf rekognoszierbarer Grundbestimmung einer gezielten Instrumentalisierung des süddeutschen Heldenepos' basierende verklärend-irrige Vereinnahmung (Schröfl, Hóman, ansatzweise Ritter-Schaumburg u.a.). Ebenso wird der höfischen Dichtung seines Umfeldes ein Atavismus zur reduktiven Vermittlung der historischen Sagensubstanz – etwa im sprachlichen Jargon der Thidrekssaga – nicht glaubhaft unterstellt werden können.


Ritter-Schaumburg hat implizite die Glaubwürdigkeit altgermanistischer Deutungsgrundsätze auf den Prüfstand gestellt. Schon wegen daraus ableitbarer Konsequenzen für die literaturwissenschaftliche Hochinstanz „Forschung und Lehre“ versagte – sicher nicht unvorhersehbar – deren Rezeptivität. Und so wurde zum Niedermachen seiner Forschungsbeiträge zum Beispiel von Germanisten an der Universität Siegen eine recht deftige Schmähschrift in Umlauf gebracht, deren Verfasser nicht nur Studenten waren („Dieser Ritter bürgt für Schaum“)!

Ein Beispiel für eine vordergründig zwar weniger offensiv erscheinende, aber auf subtilem Niveau kaum schwächere Kritik an Ritter-Schaumburg stammt von dessen Antagonisten Heiko Droste. Hierzu liegt dem Autor dieser Publikation eine Einlassung von Richard K. Baker vor. Mit weiteren zum Teil in enzyklopädischen Internetforen anzutreffenden Spitzfindigkeiten wurde unter anderem versucht, den von Ritter-Schaumburg gewählten Überlieferungsbegriff für die altschwedische Dietrich-Chronik (s.o.) als misslungene Prägung darzustellen (»"Svava" ist allerdings ein Geisterwort ...«, so unter http://de.wikipedia.org/wiki/Svava [April 2005].


Autor: Rolf Badenhausen
Bildquellen: Rolf Badenhausen
Quelle:
» http://www.badenhausen.net/harz/svava/svava.htm