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Unser Geschichtsbild weist so manche Lücke auf. Das frühe Mittelalter, nach dem Ende des römischen Imperiums, gehört dazu. Gerade in diese Zeit aber fiel eine großartige Periode, die Europa prägte.


In den Quellen sind sie oft nur rothaarige Barbaren, des Lesens und Schreibens nicht kundig, voll abstoßender Gier und Brutalität: Wikinger, so nannten sie sich selbst. Wer aber hat die alten Texte verfasst? Es waren Mönche, zitternd vor den Heiden aus nördlichen Gefilden. Denen wiederum galten die Schätze der christlichen Klöster als lohnende Beute. War es ein...

Kampf der Kulturen?

"Wikinger sein" liegt heute voll im Trend: Auch allerlei Fan-Webseiten im Internet beweisen es. Bestehen da immer noch politische Tabus, die zum Verletzen reizen?
Gehörnte Helme und Met- saufende Krieger - für uns gehört all dies ins Reich der Legende. Wir haben uns gefragt, was damals wirklich fast drei Jahrhunderte lang das Abendland erschüttert hat. Wer sind sie gewesen, die Männer des Nordens?

Kampf der Kulturen?

Es hätte ein schöner Frühsommertag werden können, für die Mönche von Lindisfarne. Doch das Schicksal hatte mit den Hütern der Gebeine des Heiligen Cuthbert, mit der ganzen ehrwürdigen Abtei im Nordosten Englands, anderes im Sinn: Als der Morgen des 8. Juni 794 graute, landeten rauhbeinige Nordländer auf langen Booten am Strand. Tod und Vernichtung brachten sie mit ihren Äxten, Kampfmessern und zweischneidigen Schwertern. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder - reiche Beute, Nahrung und Sklaven an Bord verstaut.

Blitzartige Attacken

Rasch sprachen sich Überfälle wie der auf das Inselkloster von Lindisfarne in der christlichen Welt herum. Und es war nur ein Anfang: Reiche Klöster, weitgehend ungeschützt, und schwer zu verteidigende Städte an Küsten und Flussufern stachen den Männern aus dem Norden besonders ins Auge. Blitzartige Attacken wurden deren Spezialität. Den Bewohnern der bedrohten Regionen mögen sie wie Wesen von einem fremden Stern erschienen sein. Die Strafe Gottes?

Drei Jahrhunderte

Wikingerzeit: das meint eine Epoche, die über fast drei Jahrhunderte reicht. Lindisfarne markiert ihren Beginn, erst die Jahre um 1066 - als die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer in England einfielen und es zu einem vorbildlichen christlichen Reich machten - ihr Ende. Gesichertes Wissen über diese merkwürdige Periode ist rar.

Um so üppiger schießen Mythen ins Kraut:

Vor allem wilde Teufel waren die rothaarigen Nordmänner schon bei den klösterlichen Geschichtsschreibern. Fast könnten wir an einen Kampf der Kulturen glauben, an einen Religionskrieg gar, ausgetragen zwischen heidnischen Germanen im Zeichen Odins, und dem von Rom aus christianisierten Abendland.

Aus solcher Sicht ist der finale Sieg des Christentums im 10. und 11. Jahrhundert überwältigend: Freie Piratenführer wandelten sich zu normannischen Herzögen unter dem Kreuz; die skandinavischen Völker wurden, nach allerlei Widerstand, bekehrt

Als Siedler und clevere Kaufleute überzogen sie Irland, England, Teile Frankreichs und Spaniens mit ihrer Kultur. Im Osten gründeten sie die Rus, drangen bald bis in den Mittelmeerraum vor und entdeckten - glaubt man den freilich unsicheren Quellen - fünfhundert Jahre vor Kolumbus Amerika. Selbst Byzanz, die Hauptstadt des oströmischen Reiches, sah Flotten der Wikinger vor ihren Mauern.

Der Mythos stellt die Feste der Wikinger, ihre Umtriebe als Piraten, ihre germanische "nordische" Religiosität und ihr Männlichkeits- Ideal in den Vordergrund. Auf seltsame Weise verkehren dabei manche heutige Fans einer ausgedachten Wikingerkultur die alte, ursprüngliche christliche Entrüstung der Klosterschreiber ins Gegenteil: Helme mit Hörnern, Met - also Honigwein - der in

Strömen fließt, glorifizierte Kämpfe um des Kämpfens willen, das alles weckt zwar Begeisterung, hat aber mit dem tatsächlichen Dasein der damaligen skandinavischen Landbewohner wenig zu tun. Dem Mythos bleibt allerdings Raum, weil selbst solide, moderne Forscher bei der Suche nach den geistigen und materiellen Ursachen des Wikingertums, dieser überraschenden militärischen Expansion über See, oft im Dunkeln tappen.

So gilt heute die klassische und plausible Deutung als widerlegt, dass eine Verknappung agrarischer Ressourcen zum Aufbruch großer Banden jugendlicher Kämpfer nach Süden führte: "Skandinavien mag damals eine Gesamtbevölkerung von nicht mehr als zwei Millionen gehabt haben, und dafür dürfte die bestellte Ackerfläche jener Zeit leicht als Anbaufläche ausgereicht haben," konstatiert etwa der Mittelalter- Historiker Rudolf Simek.

Die Hauptrouten der Wikinger umspannten den ganzen Kontinent. Bis nach Byzanz und Sizilien reichte der lange Arm normannischer Eroberung.

Die Chronik

790: Erste Wikingerüberfälle auf Schottland und Irland.
793: Wikingerüberfall auf das Kloster von Lindisfarne.
799: Beginn der Überfälle auf das Reich der Franken.
800: Krönung Karls des Großen.
814: Tod Karls des Großen und Nachfolge Ludwigs des Frommen.
830: Erneute Wikingerüberfälle auf England.
840: Erste Wikinger-Winterlager im Reich der Franken.
844: Wikingerüberfall auf Spanien.
856/57: Plünderung von Paris.
866: Das große Heer der Wikinger landet in Ostanglien.
911: Gründung der Normandie durch den Wikingerfürsten Rollo.
914: Wikinger erobern die Bretagne.
980: Erneute Angriffe auf England.
nach 980: Christianisierung Rußlands.
985: Erik der Rote siedelt in Grönland.
995-1022: Errichtung des skandinavischen Bistums von Skara.
1000: Island nimmt das Christentum an.
1050: Errichtung eines Bistums auf den Orkneys.
1066: Große Invasion Englands durch die (christianisierten) Normannen.

Die Voraussetzungen der Wikingerzüge sieht Simek in einer Anhäufung technisch- seemännischer Fertigkeiten und in diversen Einzelursachen. Nicht Not in der Heimat,
sondern gerade eine gut funktionierende Sozialstruktur setzte Kräfte frei, die sich nach außen wenden ließen.

Übrigens: Auch übernormale Habgier als entscheidendes Motiv wird sich den Wikingern kaum nachsagen lassen. Gier und Brutalität entsprachen dem Stil der Zeit, andernorts nur unwesentlich gemildert, eher verbrämt, durch christliche Religiosität. So sollten wir uns nicht blenden lassen von den überhöhenden Heldenliedern der Edda (die ohnehin erst im 13. Jahrhundert entstand). Ritterlyrik, wie wir sie noch aus dem 14. Jahrhundert kennen, steht dem in nichts nach.

Und selbst Walhall, die Stätte der ewig sich prügelnden und metsaufenden gefallenen Krieger, entwickelte sich erst per Integration christlicher Paradiesvorstellungen ins nordische Denksystem.Ein Nordmann beim Hausbau: Weil Holz oft knapp war, diente mit Lehm beworfenes Weidengeflecht zum Errichten der Wände.

Berechtigt scheint es, die Kultur der Wikinger als zeitweiligen Gegenentwurf zu betrachten zur römischen, abendländischen Zivilisation - ungeachtet ihrer schließlichen christlichen Überformung. Verschwunden ist sie im Grunde genommen nie. Schlägt man den Bogen über die Epochen, findet sich ihre Spur noch in der antirömischen Attitüde des neuzeitlichen, von Nord- und Mitteleuropa ausgehenden Protestantismus.

Also doch ein Kampf der Kulturen? Vielleicht. Doch ausgetragen wurde er nicht mit Schwertern, Drachenbooten und Piraterie, sondern als Konflikt und Ineinanderaufgehen von Lebensweisen und Ideen. Das Resultat ist, zu einem guten Teil, unser heutiges Europa.

Viel Platz an Bord: Diese Rekonstruktion eines Wikingerschiffes zeigt deutlich das Kielschwein, jenen Holzblock, in dem der Mast verankert war.

Als hervorragende Schiffbauer galten die Wikinger ganz zu Recht: Ihre schlanken Ruderboote, deren hölzerne Planken wie Dachziegel überlappten, passten sich elastisch den Bewegungen der Wellen an. Bug und Heck liefen spitz zu und waren sehr hochgezogen. Geschnitzte Drachenköpfe auf den Spitzen erregten Furcht. Die Boote waren bis zu dreißig Meter lang und um die fünf Meter breit. Platz gab es genug für ungefähr sechzig Ruderer mit Ausrüstung und Proviant sogar für lange Reisen. Bei günstigem Wind hisste man ein rechteckiges, meist farbiges Segel. Erst spätere Boots- typen erlaubten das Segeln gegen den Wind. Großer Vorteil der Wikingerboote war ihr flacher Boden: So konnten die Besatzungen sie problemlos an Land ziehen und auch außerhalb von Häfen landen - ideal für Überfälle an unerwarteter Stelle. Die Navigation richtete sich meist nach Punkten an Land. Über das Vorhandensein einfacher Instrumente, die eine Orientierung an den Sternen erlaubt hätten, wird spekuliert.

Anders als es der Mythos will, waren die Wikinger kein "Volk zur See". Vielmehr lebten sie über die meiste Zeit des Jahres als Bauern in ihrer skandinavischen Heimat.

Neue Forschungen belegen eine dreiteilige Klassenstruktur aus Adligen (sogenannten Jarlen), freien Landbesitzern und Sklaven. Wikinger im engeren Sinne nannten sich überwiegend jüngere Söhne aus landarmen, kinderreichen Familien, die - anfangs nur während der Sommermonate - auf Beutezug gingen. Ihre "Fahrgemeinschaften" werden von der modernen Forschung als Vorbild der mittelalterlichen Gilden angesehen. Sie kehrten anschließend nach Hause zurück, lebten während des Winters vom Reichtum und Ruhm, den sie im Ausland erworben hatten. Erst in viel späteren Phasen der Expansion schlugen Nordmänner Winterlager in den eroberten Territorien auf. Aus Netzwerken solcher Lager entstanden dann eigenständige Herrschaftsbereiche, als deren erfolgreichster die Normandie gilt. Ihre Zentren waren häufig strategisch günstig gelegene Inseln (zum Beispiel an großen Flussmündungen), die wiederum als Basis für Eroberungszüge auch über Land dienten. Ein Qualitätssprung war dabei die Mitnahme von Frauen, die in der alten skandinavischen Gesellschaft ohnehin eine fast "emanzipierte" Stellung genossen. Oft waren Wikingerzüge der späteren Zeit durch interne Streitigkeiten motiviert.


Autor: lexi-tv
Quelle:
» http://www.lexi-tv.de/lexikon/thema.asp?InhaltID=1644
Bilderquelle: lexi-tv